Dibre Emeth
- Journal
- Dibre Emeth
- Volume
- 25 (1869)
- Issue
- 11-12 (1869)
- Date
- 1869-01-01
- Page
- – (sequence 30)
- Language
- German
- Belongs to
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_190 zu Kischinew angestellt, wo er seinem theuren Lehrer Faltin nunmehr als Gehilfe zur Seite steht, aber auch unter seinen Brüdern, den Juden der Stadt, eifrig für den Herrn zu arbeiten begonnen hat. Ueber seine Misstonsthätigkeit in der alten Heimath hören wir ihn selbst unter dem 15. Februar 1868, also vor iya Jahre Folgendes berichten: In der ersten Zeit meiner Ankunft waren die Besuche der alten Bekannten aus den Juden, die mich zu sehen und sprechen wünschten, sehr häufig; noch häufiger aber waren die Besuche derer, die da nur, um ihre Neugierde zu befriedigen, herkamen. Mein kleines Häuschen war immer besetzt und zwar von den verschiedensten Individuen, die mich als einen Gegenstand der Bewunderung ansahen. Sie kamen und gingen, ohne selbst zu wissen, was sie eigentlich wollten. So äußerte z. B. der Eine sein Staunen, als er sah, daß ich noch wirklich lebe, da unter den hiesigen Juden das Gerücht verbreitet war: G. sei in Berlin gestorben und vor seinem Tode habe er in Anwesenheit eines jüdischen Rabbiners die schwere Sünde seines Uebertrittö zum Christenthum bekannt und bereut, in Folge dessen er auch auf dem Berliner jüdischen Kirchhofe beerdigt sei. — Ein Anderer sagte mir: er habe noch kürzlich gehört, ich wäre geisteskrank geworden, worauf ich ihm erwiderte: das wäre dann der Fall, wenn die erstere Behauptung wahr wäre. Der dritte bekannte, es sei ihm durchaus unbegreiflich, daß er in meinen Gesichtszügen und Augen keine Spur von der Klippe (dem Dämonischen) herausfinden kann, die er sonst so oft bei getauften Juden zu finden pflegt u. s. w. — Dergleichen Geschwätz mußten meine Frau und ich täglich anhören. Doch war auch dies nicht ohne allen Nutzen, indem die armen Leute von ihrem Wahne sich selbst überzeugten, und manch ernstes Wort, das sich bei solcher Gelegenheit sagen ließ, wird vielleicht durch Gottes Gnade zu seiner Zeit seine Frucht tragen. Bei Einzelnen ließ sich zwar ein Zug zur Wahrheit, eine Sehnsucht nach Frieden wahrnehmen, doch ist auch bei diesen dieses Bewußtsein so schwach und mit so viel Schutt und Erdenstaub bedeckt, Geist und Gemüth so zerrüttet, daß man wohl lange in Geduld warten muß, bis die äußere EiSrinde des Herzens durch die belebende Wärme des