Mannheim
Compact Memory

Dibre Emeth · 1869-01-01 · 11-12 (1869) · page 29

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dibre Emeth
Volume
25 (1869)
Issue
11-12 (1869)
Date
1869-01-01
Page
– (sequence 29)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/2554541-2554773-2554780--05239-2561191
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

189 Strecke Weges begleiten. Da kam eines Tages eine jüdische Frau zu dem christgläubigen Rabbi und sagte ihm: „Ich habe gehört, daß Sie nächstens nach Berlin reisen wollen, da würden Sie wohl einige Möbel verkaufen." Gurland erwiderte: „Ich habe keine Möbel zu verkaufen. Ich lebte ganz einfach und dürftig, und die wenigen Stücke, die ich nicht entbehren konnte, sind jetzt schon verkauft." Hierauf verabschiedete sich die Frau, die nur auskundschaften sollte, ob der Rabbi allein in seinem Hause sei. Bald traten acht Mann herein und sagten ihm: „Wir wissen, daß Sie sich haben taufen lassen, und daß Sie im blinden Eifer von der Religion unserer Väter abgefallen sind, aber wir haben auch gehört, daß Sie es bereuen und den Schritt gern wieder ungeschehen machen möchten. Hier sind 600 Rubel Silber, nehmen Sie dieselben und reisen Sie damit nach Constantinopel. Dort weiß Niemand, daß Sie getauft sind, und Sie sind dann wieder Jude wie früher. Sollten Sie aber noch mehr Geld nöthig haben, so find wir gern bereit, Ihnen noch mehr zu schicken. Weigern Sie sich aber, es anzunehmen und unfern wohlgemeinten Rath zu befolgen, so wollen wir Ihnen zu wissen thun, daß Sie unsere Stadt nicht lebend verlassen werden. Haben Sie aber vielleicht Lust, uns zu verklagen, weil wir Ihnen gesagt haben, daß Sie umgebracht werden, wenn Sie Kischinew verlassen sollten, so thun Sie es nur. Uns stehen mehr denn 20,000 Rubel zu Gebote, einen Prozeß zu führen. Dadurch erlangen wir wenigstens, daß Sie nicht aus dem Lande kommen, und das ist uns auch schon genug. Haben wir es dahin gebracht, dann können Sie wenigstens nicht Anderen schaden." — Gurland reiste an dem bestimmten Tage ab. Der Pastor konnte ihn jedoch nicht begleiten, weil er durch dringende Amtsgeschäfte abgehalten wurde. Der Herr aber erfüllte an seinem Jünger sein Verheißungswort: „Ich bin bei Euch alle Tage bis an der Welt Ende!" Trotz der Drohungen seiner Feinde kam er unversehrt nach Berlin. Er wurde dort im Missions-Seminar zum evangelischen Predigtamt ausgebildet und nach Absolvirung des theologischen Examens vom General-Superintendenten Dr. Buechsel am 2. Sonntag nach Trinitatis 1867 in der St. Matthaei-Kirche zu Berlin feierlich ordinirt. Er ist dann in seine Heimath zurückgekehrt und als Prediger in der evangelischen Gemeinde

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.