Dibre Emeth
- Journal
- Dibre Emeth
- Volume
- 25 (1869)
- Issue
- 11-12 (1869)
- Date
- 1869-01-01
- Page
- – (sequence 28)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/2554541-2554773-2554780--05238-2561190- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
188 Goldschmied nicht Herzenssache war, zum Christenthume überzutreten, konnte man daran merken, daß er sich bald nachher betrunken hatte. Die Juden hatten jetzt auch schon laut werden lassen, daß sie unfern Rabbi gleich nach der Taufe aus der Welt schaffen wollten. Da fragte ihn der Pastor, ob er auch wünsche, daß ihm von der Polizei Bewachung gegeben werde. Aber er antwortete: „Nein, der Herr ist mein Schutz, ihm will ich mich vertrauen." Der Ostertag kam und alle Einwohner der Stadt waren auf das gespannt, was sich heute ereignen werde. Juden und Christen wußten was geschehen sollte. Die Kirche füllte sich an, wie man es sonst niemals gesehen. Besonders waren viele Juden darin. Während der Predigt war die größte Aufmerksamkeit wahrzunehmen. Endlich begann die Taufhandlung. Athemlose Stille herrschte unter der Menge. Auch Diejenigen, welche aus Mangel an Raum draußen stehen mußten, verhielten sich ganz ruhig. Nach der Taufe knieten der Pastor und die beiden Täuflinge und, so weit es in den dicht gedrängten Massen möglich war, auch die Zuhörer nieder. Gurland sprach ein Dankgebet für die empfangene Gnade, die ihnen im heiligen Sakramente verliehen worden, und bat den Herrn, er möge doch noch recht Viele aus seinem Volke dieser Gnade würdigen. Das ganze Gebet machte auf alle Zuhörer einen so gewaltigen Eindruck, daß fast Alle vor Rührung weinten. Drei jüdische Frauen waren so hingerissen', daß sie sich selbst ganz vergaßen und in der Kirche sich vordrängten, die Frau des Rabbiners umarmten, küßten und ausriefen: „Du bist die Glücklichste!" Die Getauften konnten unbehindert nach Hause gehen. Auch die bittersten Feinde konnten sich eines tiefen Eindrucks nicht erwehren. Nach der Taufe sagte Gurland zu dem Pastor: „Mir hat der Herr so große Gnade erzeigt; nun sind aber noch so Viele unter meinem Volke, die noch nichts davon erfahren durften. Das thut mir wehe. Ich will unter meinen Brüdern arbeiten, daß auch ihnen dieselbe Gnade und Erkenntniß zu Theil werde." Der Pastor schrieb nach Berlin an die Gesellschaft für Israel und bat, sie möchten doch den Getauften zu weiterer Ausbildung für diesen Zweck aufnehmen. Er wurde gern ausgenommen. Am Tage der Abreise wollte der Pastor Faltin ihn eine