Dibre Emeth
- Journal
- Dibre Emeth
- Volume
- 25 (1869)
- Issue
- 11-12 (1869)
- Date
- 1869-01-01
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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164 Die Gnade. Das Alte Testament aber unterscheidet nun scharf zwischen dem verdienten Gericht oder der wirklich verhängten Strafe und zwischen dem, was Gott im Gegensatz zu diesem Gerichte thut. Der barmherzige Wille Gottes ist allein Grund und Ursache, daß nach dem Sündenfalle noch eine Menschheit besteht. Seine Liebe wird nunmehr zur Gnade, das heißt: sie folgt ihrem eigenen Triebe Gutes zu thun auch noch an den Unwürdigen, welche das gerade Gegentheil verdient haben. Auf die Gnade ist der Mensch fortan ausschließlich gewiesen, wenn noch eine Gemeinschaft zwischen ihm und Gott stattfinden soll. Es kommt Alles darauf an, daß Gott sich entschließt eine andere Stellung zu dem Sünder einzunehmen, als diejenige, welche ihm von Rechtswegen gebührt. Der Tod gebührt ihm, die Gnade allein wird im Stande sein trotz der Sünde ihm Leben zu schaffen. Die Verheißung. Nach dem Alten Testamente haben Adam und Eva der Gnade allein es zu danken, daß ihnen nach dem Fall noch die Gabe des Lebens verbleibt. Aber die Gnade will es nicht allein bei diesem Leben lassen, welches nur eine Reihe von Jahren dauert und alsdann dem Gerichte, des Todes verfällt; sie tritt auch in höherer Gestalt, sie tritt auch als Verheißung auf. Die Gnade verkündigt ihren eigenen freien Entschluß unter denen, über welche die Sünde den Zorn Gottes oder das Verderben des Todes gebracht hat, ein Neues beginnen zu wollen, ein Werk des Heils, welches die Sünde mit ihrem Fluch wieder überwinden soll. Die verheißende Gnade stellt vor die Augen der Sünder ein Ziel, das sie selbst herbeiführen will: eine neue Gemeinschaft zwischen Gott und dem Menschen, welche nichts mehr von der Störung der Sünde weiß. Der Mensch soll es erfahren, Gott will ihn dem selbstverschuldeten Unheil nicht überlassen, sondern ihn aus demselben erretten und wieder mit sich verbinden. Aber weil er das eben der Gnade Gottes allein zu danken hat, so kann nur das verheißende Wort der Offenbarung es ihm kund thun. Deö Menschen eigener Verstand läßt ihn nicht über das hinausgelangen, was ihm das gegenwärtige Leben zeigt oder darbietet. Was darüber hinausliegt, entsteht ganz allein im