Dibre Emeth
- Journal
- Dibre Emeth
- Volume
- 25 (1869)
- Issue
- 9-10 (1869)
- Date
- 1869-01-01
- Page
- – (sequence 22)
- Language
- German
- Belongs to
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150. durchdrungen und überwunden durch die Offenbarung der religiösen Idee. Nun kam es darauf an auch das Leben in allen seinen Richtungen und Momenten mit derselben zu durchtränken und durch sie zu gestalten: Der Talmudismus ist nichts anderes als die Durcharbeitung des Lebens in allen Consequenzen. Der Mosaismus hat nur das Volk im Auge, das Individuum allein in seinen Beziehungen zum Volk Israel, nur als Glied desselben läßt er den Einzelnen nicht frei. Der Talmud ging einen ungeheuren Schritt weiter. Was der Mosaismus auf das Leben des Volkes als solches gelegt, das überträgt der Talmudismus auf das Leben des Individuums, jedes jüdischen Individuums. Wie im Mosaismus alles Thun des Volks, so hatte nunmehr alles Thun jedes Einzelnen eine Beziehung zu Gott, den Charakter des Religiösen, eine religiöse Verpflichtung. So mußte das ungeheure Gebiet des Talmud zu einer außerordentlichen Casuistik werden; er mußte Alles in seinen Bereich zieh», und eine Frage ob wichtig oder unwichtig, ob groß oder klein, konnte es in ihm nicht geben; er mußte das ganze Leben des Einzelnen, alle Möglichkeiten in ihm, erwägen und bestimmen; er mußte aus Gesetz Gesetz, aus Vorschrift Vorschrift, aus Bestimmung Bestimmung herleiten. Das Leben aber konnte nicht durchgearbeitet werden ohne dessen Verengerung, ohne es immer mehr zw individualisiren, zu specialistren. Der Talmudismus kennt das Volk Israel nicht mehr, sondern den Juden; ein einziges Individuum geschleudert tausend Meilen von jeder Gemeinde hat ganz dieselben Verpflichtungen zu erfüllen, wie Tausende, die sich zusammengeschaart. Der Talmudismus beherrscht das Individuum durch das religiöse Gesetz bis in die geringsten Handlungen, bis in die kleinste Bewegung. Das Gesetz Mosis hatte freilich geboten: thut nichts hinzu zu dem Worte, welches ich euch gebiete, und thut nichts davon ab. Es sollte also nur ein geschriebenes und für immer fixirtes Gesetz geben; kein anderes seinen Ursprung auf göttliche Offenbarung zurückführen. Aber jede Gesetzgebung bedarf der Erläuterung, und unter den sich verän-