Dibre Emeth
- Journal
- Dibre Emeth
- Volume
- 25 (1869)
- Issue
- 9-10 (1869)
- Date
- 1869-01-01
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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141 gehn und das Mustervolk der Erde bilden. Daß die Reformer von denselben sich emancipiren, und zwar nicht blos, wie es ja auch die Orthodoxen thun, im öffentlichen und politischen Leben, sondern gleicherweise im Hause und in der Synagoge, das ist der eigentliche Anlaß des heftigsten Streites zwischen beiden Parteien geworden. Wir haben die Ausführungen der heutigen Orthodoxie über die Bedeutung deö mosaischen Gesetzes in der Geschichte der Menschheit und der Auslegung, welche dasselbe im Talmud gefunden hat, durchweg mit Worten ihrer eigenen bedeutendsten Vertreter dargestellt. Bevor wir aber zur Prüfung ihrer Gedanken schreiten, haben wir noch die Ansichten der Reformer über die nämlichen Punkte zu hören. Unmittelbarkeit Gottes zum sündlichen Menschen wird uns von den Reformern als der erhabene Grundsatz des Judenthums gegenüber aller Vermittelung, welche andere Religionen gelehrt haben, dargestellt. Ein unmittelbares Verhältniß nimmt Gott zum Menschen ein als der Vater zum Kinde. Unmittelbar steht Gott mit allen Menschen in Verbindung als die Vorsehung, als Leiter ihrer Geschicke, als Richter ihrer Handlungen und als Offenbarer der Wahrheit. Als die Vorsehung bestimmt er die Schicksale der Menschen nach seinem Plan, um die Gesammtheit wie die Einzelnen zur Vervollkommnung zu führen. Als allgerechter und allbarmherziger Vater richtet er das Thun der Menschen, indem er das Gute belohnt und das Böse bestraft, aber dem Sünder, welcher aufrichtig bereut, vergiebt und dessen Schuld- Haft auslöscht. Offenbarer des Rechts und der Wahrheit ist er endlich durch das Gewissen, die Geschichte und das geoffenbarte Wort. Das Recht und die Wahrheit offenbart Gott durch das anerschaffene Gefühl des Guten und Bösen im Gewissen. Aber die Selbstsucht überwuchert dasselbe. Die natürliche Entwickelung des Menschen ist die des Heidenthums, dessen sittliches Wesen sich auf die Selbstsucht gründet. Daher sind alle Religionen vor Abraham polytheistische Naturreligionen. Der Menschengeift, das zeigt die Geschichte, konnte durch sich selbst, durch seine Spekulationen zu einer wesentlichen Erkenntniß des göttlichen Wesens und Willens nicht kommen. Der Menschengeist hat zwar darin seine Größe mit sich selbst zu ringen, um zum Begriff