Dibre Emeth
- Journal
- Dibre Emeth
- Volume
- 25 (1869)
- Issue
- 7-8 (1869)
- Date
- 1869-01-01
- Page
- – (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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Unterdrückung der einen Hälfte unseres Wesens, der sinnlichen Natur. In allen solchen Ausführungen stimmen Reformer und Orthodoxe überein. Doch betonen die Orthodoxen etwas mehr den Kampf gegen die Sinnlichkeit und empfehlen zu diesem Zwecke die Ascese. Fasten und ähnliche Uebungen, welche zur Bezähmung der leiblichen Natur dienen sollen, werden als besondere Acte der Frömmigkeit gepriesen. Ein viel fastender Jude wird ein ausgezeichnet frommer Mensch genannt; und es ist sogar ein Gegenstand des Streites zwischen den beiden jüdischen Parteien geworden, ob ein bestimmtes, traditionelles Fasten und die beständige Entsagung von bestimmten Speisen noch jetzt aufrecht erhalten werden sollten. Aber auch in einem andern Punkte gehen die beiden jüdischen Parteien auseinander, wenn es sich nämlich darum handelt, was denn nun geschehen müsse, damit die Sünde nicht hinderlich zwischen Gott und Menschen trete. Die Orthodoxen sind der Ucberzeugung, daß der Mensch von Natur sich nicht sogleich in der rechten Weise entwickele, um Gottes Wohlgefallen finden zu können. Es muß ihm vielmehr nach ihrer Ansicht ein Gegengewicht gegen sein sinnliches, materielles Wesen gegeben werde; denn der Geist hält in der Entwickelung nicht gleichen Schritt mit der Sinnlichkeit. Es findet, wenn der Mensch sich selbst überlassen bleibt, ein Ueberwiegcn des sinnlichen gegen das geistige Wesen Statt, und eben dadurch wird die Gemeinschaft mit Gott gestört. Man merkt es nicht, daß man auf diese Weise alle früheren Theorien zu Schanden macht und über den Menschen, der auf seine eigenen Füße gestellt oder auf sein eigenes Herz angewiesen ist, den Stab bricht. Denn zum Eingeständniß der Erbsünde führt auch solche Erkenntniß die Orthodoxen nicht, undeben so wenig zu der Einsicht, daß der Mensch seit dem Sündenfalle in seiner angeborenen Art überhaupt nicht nach göttlicher Weise sich entwickeln kann. — Wie aber schon oben gesagt, behauptet man orthodoxerseits daß dem Menschen eine Stütze von Gott gegeben werden mußte, welche ihm die Möglichkeit gewährte, im rechten Gleichgewicht zu bleiben. Also der Geist, obgleich er in sich rein ist, bedarf, um nicht übermannt zu werden, einer