Dibre Emeth
- Journal
- Dibre Emeth
- Volume
- 25 (1869)
- Issue
- 7-8 (1869)
- Date
- 1869-01-01
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/2554541-2554773-2554778--05159-2561109- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
111 schlag, Raub und Betrug, Ehebruch und Hurerei, hat man kein Auge und kein Verständniß. Das Alles wird gar zu leicht mit dem Namen von natürlicher Schwäche bezeichnet, und das Verdienst der Bewältigung der Natur, wie wir oben sehen, recht hoch angerechnet. Mögen darum selbst die Gebetbücher Stellen enthalten, wie die folgende: „nicht auf unsere Gerechtigkeit liegen wir vor dir, sondern auf deine große Barmherzigkeit," es kommt bei den Juden nicht zu einem ernsten, thatsächlichen Bruch mit ihrer Gerechtigkeit oder Tugend; es kommt nicht zu einem wahrhaftigen Verzagen an der eigenen Kraft; es kommt bei ihnen nicht dazu, die Hilfe allein von der völligen Umwandelung des angeborenen, natürlichen Wesens zu erwarten. Und hat man auch eben noch gebetet: „lege in unser Herz die Fähigkeit einzusehen, zu verstehen, zu begreifen, zu lernen, zu lehren, zu beobachten, zu üben und aufrecht zu erhalten alle Vorschriften deiner heiligen Lehre mit Liebe," hat man eben den heiligen Gott angefleht: „stimme unsere Gefühle zur Liebe deines Namens," hat man einen Schritt gethan den eigenen Willen, Verstand und Gefühl als ohnmächtig zu einem Leben nach Gottes Wohlgefallen anzuerkennen, so zieht man alsbald wieder zurück. Es bleibt beim Alten, die Form muß schließlich den Trost schaffen, mag es die talmudische sein oder die Culturforni der Gegenwart. Der Mensch wird bei der jüdischen Lehre schnell immer wieder mit sich selbst zuftieden, und den tiefsten Stachel weiß er recht wohl sich selbst abzubrechen. Das Rein, Heilig, Vollkommen zu sein nach göttlichem Maße oder dem Fluche zu verfallen, wie das Alte Testament dieses Entweder — Oder aufstellt, haben beide jüdische Parteien ausgestrichen, und an die Stelle desselben etwa dies gesetzt, daß ein richtiges Gleichgewicht zwischen Sinnlichkeit und Geistigkeit im Menschen stattfinden solle. Ein solches Gleichgewicht zu erhalten sehen die Juden als die eigentliche Forderung an, welche dem menschlichen Streben von Gott gesetzt ist. Sünde tritt nach jüdischer Anschauung da ein, wo dieses Gleichgewicht nicht besteht. Das Christenthum wird beschuldigt, daß es die Aufgabe des Menschen falsch verstehe; denn es verlange die