Mannheim
Compact Memory

Dibre Emeth · 1869-01-01 · 7-8 (1869) · page 14

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dibre Emeth
Volume
25 (1869)
Issue
7-8 (1869)
Date
1869-01-01
Page
– (sequence 14)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2554541-2554773-2554778--05158-2561108
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

110 muß, die Verheißung eintritt und einen Weibessamen verkündigt, welcher dem Feinde, dem Verführer, der Schlange den Kopf zertreten wird. Wo ist da also von Grausamkeit gegen den Unschuldigen die Rede? Ist es nicht vielmehr ein Wunder der göttlichen Liebe, daß, obgleich wir nach dem ersten Falle nur in Sünden geboren werden können, sie dennoch uns Menschen ins Leben ruft, damit ja der Gnadenwille Gottes, welcher ein ganzes, zahlloses Geschlecht zu seiner Seligkeit einführen wollte, in Erfüllung gehe? Auf jüdischer Seite aber gehen beide Parteien Hand in Hand, wenn es sich um die Verwerfung der Erbsünde handelt. Sonst wollen sie es gelten lassen, daß allerdings die Sünde ein großes Uebel für die Menschheit sei. In ihren Gebetbüchern führen sie oft lange Reihen von Sünden an und legen sehr ernst lautende Sündenbekenntnisse ab. Beispielsweise heißt es: meine Sünde ist zu groß sie zu tragen, und zu viel meiner Missethat sie aufzuzählen; wolltest du mich nach meinen Handlungen richten, dann wehe, wehe mir, und mehr als jede Nation haben wir verschuldet! Aber trotzdem nimmt man mit der anderen Hand immer wieder, was die eine gegeben hat — eine Erscheinung, die überhaupt auf das Unheilvollste das ganze jüdische Religionssystem beherrscht. Nach allen gewaltigen Selbstanklagen wird doch Sünde eigentlich nur die Zahl der Vergehungen, welche ins Auge fallen, genannt. Diese Vergehungen sind dann entweder Uebertretungen der äußerlichen, talmudischen Gesetze, und werden mit besonderem Eifer an den Reformern gegeißelt; ja oft geschieht das mit solcher Heftigkeit, daß die eigentlich sittlichen Schäden bei Weitem nicht so häufig und so stark verurtheilt werden. (In dieser letzteren Beziehung würden auch die Orthodoxen den Reformern oft nur zu viel Anlaß für eine Gegenanklage geben.) Oderdie Verfehlungen sind derartige, daß man sie überall im Leben als solche bezeichnet. Niemals dagegen geht man mit durchdringendem Ernst dem Schaden auf den Grund. Für die Verderbniß des Herzens, dessen böse Gedanken und Begierden das Alte Testament, und zumal die 10 Gebote, ganz ebenso streng verurtheilen, wie Mord und Tod-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.