Dibre Emeth
- Journal
- Dibre Emeth
- Volume
- 25 (1869)
- Issue
- 7-8 (1869)
- Date
- 1869-01-01
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/2554541-2554773-2554778--05155-2561105- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
107 diger das wilde Thier seiner Natur im Zaume halte, sondern er ist aus Gottes Hand als ein Herr mit großen Kräften Leibes und des Geistes hervorgegangen, damit er ste alle im Dienste Gottes zu seiner eigenen Seligkeit gebrauche. Gott gibt ihm nach der Darstellung des Alten Testamentes das ganze Gebiet des Natürlichen zum Eigenthum, aber er will auch, daß der Mensch eine Schranke kenne; daß er beides wisse: er habe einerseits eine Aufgabe in dem ihm zugewiesenen Umfange erhalten, er habe aber auch andererseits nicht weiter zu gehen, als es ihm der göttliche Wille gestatte. Die Sünde des Menschen ist es nun, daß er die ihm gesetzte Schranke Übertritt, daß er auch von Gott nicht gebunden sein, sondern allein nach eigenem Ermessen im Thun und Lassen entscheiden will. Der Wille des Menschen also löst sich ab von dem Willen Gottes, er sucht Selbstständigkeit; frei will er nicht allein der Erde, sondern auch Gotte gegenüber dastehen. Als einen Akt der Willensentscheidung des Menschen, der wie Gott sein möchte, nämlich unabhängig von jeder anderen bestimmenden Macht, so stellt das Alte Testament den Sündenfall dar. Die Hoffahrt ist mithin der Ausgangspunkt in der Geschichte der Sünde, und die Hoffahrt ist rein eine Bewegung des Geistes, nicht etwa der sogenannten Sinnlichkeit. Aber freilich nimmt der Geist in der Hoffahrt nicht eine falsche Richtung, ohne daß nicht auch das ganze übrige Wesen des Menschen davon berührt würde. Hat einmal der Wille des Geistes seine Schranken übertreten, so folgen ihm die Augen und das Fleisch. Seiner eigenen Lust ist der hoffährtige Wille gefolgt, ihrem eigenen Wohlgefallen jagen nun deßgleichen das Fleisch und die Augen nach; sie suchen ebenso allein ihre Befriedigung. Der Mensch, welcher bisher mit seinem ganzen Wesen auf Gott gerichtet und darum trotz seiner mannigfaltigen Kräfte in sich eins war, wird nun ein ebenso zerrissenes Geschöpf. Alles in ihm sucht Selbstständigkeit, Alles nur sein eigenes Genügen. Vorher von der Macht Gottes in sich selbst harmonisch zusammengehalten, verfällt der Mensch von nun an den verschiedensten und sich gegenseitig feindlich widerstrebenden Mächten. Zuerst ist es die Macht, welche von außen mit ihren Lockungen an ihn herantrat, sodann der nur seiner eigenen Stimme gehorchen wollende Geist; ferner das schrankenlosen Genuß