Dibre Emeth
- Journal
- Dibre Emeth
- Volume
- 25 (1869)
- Issue
- 7-8 (1869)
- Date
- 1869-01-01
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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106 Aber allerdings, die Orthodoxen meinen auch im Ernst, daß der Mensch etwas ganz Absonderliches leistet. Sie sprechen ihm ja, wie vorhin gesehen, einen sittlichen Vorzug vor den Engeln zu. Der Engel Heiligkeit, so führen sie aus, ist eine natürliche, der Menschen Heiligkeit eine mit vieler Arbeit und Mühe erstrittene. Die Orthodoxen sollten nur den Schritt weiter thun und denselben Vergleich mit Gott anstelle». Gott thut, wenn man so sagen soll, das Gute ja auch von Natur, denn er ist kein in sich gespaltenes Wesen wie der Mensch; der Mensch stünde demnach, gälte die obige Regel, über Gott; denn trotz der einen widerstrebenden Hälfte seines Wesens wird wenigstens der Fromme doch immer gottähnlicher. Wenn auf diese Weise aber Gott von dem Menschen mehr verlangt, als er selbst leistet, ist es nicht wunderbar, daß er nun doch den Menschen, welcher das ihm gestellte und gewiß sehr harte Maß nicht erfüllt, mit sehr strengem Gericht bestraft? Ein einziges Nachgeben gegen die anerschaffene sinnliche Natur (wie beide jüdische Parteien den von der Schrift berichteten Sündenfall nennen), und darauf sogleich der Fluch des Todes zusammt der Vertreibung aus dem Paradiese, damit der Acker fortan Disteln und Dornen trage, bis der Mensch wieder zur Erde wird: steht das im Verhältniß zu einander? Wir wissen freilich, daß diese unbequeme Partie des Sündenfalls gern von den Juden wie von unseren Rationalisten ein Mythus genannt wird; aber damit wird eben das Alte Testament zum Mythenbuche gemacht; und wir sehen nicht, was man jüdischerseits antworten kann, wenn, wie es häufig genug geschieht, ein anderer Geschmack noch viel größere Theile dieses Buchs, ja dasselbe ganz, verwirft. Mit dem Alten Testamente stimmen daher die Juden keinesfalls überein, wenn sie den Menschen als ein Geschöpf darstellen, welches im Kampfe mit der ihm eingepflanzten Sinnlichkeit Gottes Wohlgefallen sich erwerben sollte. Das Alte Testament spricht sich vielmehr folgendermaßen über den Urzustand des ersten Menschen aus: Adam ist erschaffen im Bilde Gottes, als ein wahrhaftiger Herr, welcher zwar dem Maße nach unendlich kleiner, in sich selbst aber so harmonisch und aus dem ihm zugewiesenen Gebiet so frei sein soll, wie Gott sein Schöpfer selbst überall. Der Mensch ist nicht erschaffen, daß er wie ein Löwenbän-