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Dibre Emeth · 1869-01-01 · 7-8 (1869) · page 9

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dibre Emeth
Volume
25 (1869)
Issue
7-8 (1869)
Date
1869-01-01
Page
– (sequence 9)
Language
German
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105 gewesen ist. Im Gebetbuche heißt es ausdrücklich, daß jede Seele rein geschaffen wird, und daß also jeder Mensch nach seiner geistigen Seite so rein, wie nach Darstellung des Alten Testamentes das erste Clternpaar, die Erde betritt. Die Sünde, welche man im weiteren Leben nicht leugnet, steht man als eine Folge des Ueberwiegens unserer materiellen Natur an. Man denkt es sich so, daß dem Geiste die Bestimmung von Gott gegeben ist, die Herrschaft über den Menschen zu erlangen, daß er aber vielmehr bis auf Moses von dem materiellen Wesen der leiblichen Natur sich bestimmen ließ. Man behauptet ausdrücklich unter den Orthodoxen, daß die Schwäche der menschlichen Natur ursprünglich von Gott geordnet sei, und erklärt sogar, daß in dieser Schwäche ihrer Natur ein Vorzug der Menschen vor den Engeln beruhe. Denn gerade um deßwillen sei alle menschliche Gerechtigkeit eine erkämpfte, ein Verdienst. Der Mensch finde von Anfang in sich Hindernisse vor, die er zu überwinden, Leidenschaften, die er zu besiegen habe, oder wie ein Reformer hinzusetzt, die Leidenschaften sind von Gott in die Natur des Menschen eingesenkt; und es wird dann ganz frei in einer orthodoren Zeitschrift gesagt, 'daß diese so erlangten Siege eine lange Reihe von Verdiensten der wahrhaft Frommen bildeten, daß durch sie der Körper vergeistigt werde, damit er kein Hinderniß zu erhabenem Fluge des Geistes sei. - So weit gehn auch Orthodoxe und Reformer ganz Hand in Hand. Wir wiesen schon früher darauf hin, daß bei solchen Anschauungen der heilige Gott den Menschen als ein Wesen mit Gutem und Bösem erschaffen hat. Wie darf dann Gott aber von diesem Doppelwesen Heiligkeit fordern, was er doch im Alten Testamente thut? Wäre die moderne jüdische Ansicht die richtige, müßten wir dann nicht sagen, daß jedenfalls das Alte Testament zu verwerfen ist? Denn verlangt es nicht Unmögliches, wenn es dem Menschen gebietet, daß er sein soll wie Gott, so rein, so lauter, so vollkommen wie dieser? Gott forderte ja hiernach von dem Menschen mehr, als er selbst leistet; denn in Gott ist lauter Einheit, aber der Mensch, so sagt uns das neuere Judenthum, ist im Zwiespalt erschaffen. Wie ist es da noch möglich, daß der Mensch in seiner ganzen Art und Weise, in Gedanken und Begierden, im Reden und Thun Gott gleich sei?

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