Dibre Emeth
- Journal
- Dibre Emeth
- Volume
- 25 (1869)
- Issue
- 5-6 (1869)
- Date
- 1869-01-01
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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81 Gott die Kraft des Bestehens, in Gott das Ziel, welchem sie zugeführt wird. Die Allweisheit aber und Allliebe arbeiten daran nicht bloß das Gegegebene zu erhalten, sondern auch alle Störungen, welche hineingetreten sind, zu überwinden. In diesem Sinne ist es richtig von der Allweisheit und Allliebe Gottes in der Schöpfung zu reden. So wird auch der Inhalt beider ein viel reicherer und vollerer, vor Allem aber ein wahrerer, sonst bleibt er Schein. Was wir in diesen Sätzen ausgesprochen haben, ist die Lehre so vieler Propheten des Alten Testamentes. Wir freuen uns derselben und nennen dieselbe nicht dichterische Figur, nicht poetische Ueberschwänglichkeit, sondern volle Wahrheit. Aber leider ist gerade für die Prophetie welche, die Fortführung des göttlichen Werks bis zu seinem Ziele hin beschreibt, außerordentlich wenig Verständniß unter den Juden; sie bleiben, wenn überhaupt am Alten Testament festhaltend, zumeist bei den Trümmern der mosaischen Gesetzgebung, welche noch im Talmud enthalten sind, stehn. Der eigentliche Boden des Judenthums ist diese Erde mit ihrer gegenwärtigen Gestalt, unter talmudischer oder einer anderen Verfassung; auch das Ziel, welches etwa noch im Auge behalten wird, ist im Grunde nur 'eine besondere Form dieser Gegenwart. Die Harmonie ist als schon vorhanden gedacht, sie darf nur noch eine neue Form bekommen. Man sieht leicht, daß die Differenzen zwischen dem Christenthum, welches auf dem Boden des Alten Testaments stehn will, und dem nachchristlichen Judenthum überall bis auf die letzten Fundamente zurückgehn. Aber es wird auch zugleich offenbar, daß man im Christenthum sich nirgends über das Vorhandensein eines ernstlichen Schadens auf dem ganzen Gebiete des Lebens täuscht, im Judenthum dagegen, wenn gleich dieser Schaden sich auch ihm ausdrängt, ihn möglichst abzuschwächen versucht, oder ihn als nicht wesentlich die ursprüngliche Ordnung Gottes beeinträchtigend ansieht. Das Christenthum streckt sich gleich dem Alten Testamente mit aller Macht nach einer Harmonie, deren Fehlen ihm überall zu seinem tiefsten Schmerz entgegentritt; während das Leben, so weit es gegeben ist, als ein in sich selbst harmonisches Gut von ihm empfunden wird, und gerade darüber die Sehnsucht nach einer wahrhaftigen Vollendung desselben erwacht. Das Judenthum läßt sich an dem Augenblicklichen genügen oder will das Augenblicks- 6