Dibre Emeth
- Journal
- Dibre Emeth
- Volume
- 25 (1869)
- Issue
- 3-4 (1869)
- Date
- 1869-01-01
- Page
- – (sequence 30)
- Language
- German
- Belongs to
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62 christliche Rationalismus des vorigen Jahrhunderts hat diesen Glaubenssatz vor allen anderen auf seinen Schild erhoben. Eine Tochter freilich des Judenthums ist der Rationalismus nicht; im Gegentheil sprach er mit besonderem Widerwillen und Haß von dem alttestamentlichen Judengott, der ein Rache - und Feuer-Gott sei. Dieser Rationalismus hat für die äußere Stellung der Juden sehr viel gethan, weil er zuerst predigte, daß die verschiedenen Auffassungen von der Gottheit im menschlichen Beisammenleben nicht berücksichtigt werden sollten, aber „die jüdische Auffassung" galt ihm als eine Beleidigung des göttlichen Wesens. Und der Rationalismus selbst, welcher sich doch außerordentlich der jüdischen Lehre nähert, ist eine der verderblichsten Erscheinungen auf dem Gebiet der christlichen Völker geworden: er hat ein erschreckendes Sinken in sittlicher Beziehung hervorgebracht. Aber nachdem er einmal das fleischliche Belieben und Souverainseinwollen des Einzelnen angebahnt hat, mußte er es erleben, daß man ihm gar bald den Rücken kehrte. Dieselben Grundideen, welche man als leitende Principien des Judenthums heute bezeichnet, hat er in die Welt cinpflanzen wollen; aber man fühlte bald, daß an seinem Gängelbande zu gehn recht wenig rathsam wäre. Der Rationalismus wird heute so ziemlich auf allen Seiten als eine im vorzüglichen Grade fadenscheinige Religion angesehn. Seine Anhänger, soweit sie Denkende sich nannten, sind in das Lager der mannigfaltigsten Philosophien übergegangen oder haben sich dem Materialismus zugewandt, der bekanntlich anständig oder unanständig alles Göttliche todtschlägt. Jene Philosophien dagegen tragen einen mehr oder weniger konsequent pantheistischen Charakter, und die praktische Wirkung derselben ist die geworden, daß man in den Kreisen der Gebildeten, in steigendem Maße aber auch der Ungebildeten, pantheistischen oder materialistischen Ansichten huldigt. Wer sich diesen Richtungen nicht angeschlossen hat, ist meistens zu den Ueberzeugungen zurückgekehrt, welche in der christlichen Kirche seit ihrem Anfänge herrschen; und man klagt ja von allen Seiten, daß die todtgeglaubte christliche Orthodoxie in einer Weise wieder ihr Haupt erhebe, welche man nicht für möglich gehalten habe. Der Glaube an einen dreieinigen Gott zählt wieder große Schaaren von Bekennen: in allen christlichen Kirchen.