Dibre Emeth
- Journal
- Dibre Emeth
- Volume
- 25 (1869)
- Issue
- 3-4 (1869)
- Date
- 1869-01-01
- Page
- – (sequence 25)
- Language
- German
- Belongs to
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87 durchaus und allein auf seine Vernunft zu stellen. Und wiederum ist Alles die Folge davon, daß auch die Orthodoxen, wie vielmehr also die Reformer, vom Menschen ausgehen und nicht von Gott. Da muß bei den Ersteren die Offenbarung nur äußerlich zum Menschen zu stehen kommen, während auf reformistischer Seite Menschliches und Göttliches, ohne unterschieden werden zu können, sich vermischen. Wir haben die Gedanken über „Offenbarung" aus dem Lager der Reform vernommen. Aber dieselbe Stimme, deren Worte wir Wiedergaben, läßt auch in vieler Beziehung völlig entgegengesetzte Ansichten laut werden. Sahen wir vorhin die Offenbarung der menschlichen Entwickelung völlig preisgegeben, so wird im Widerspruch damit ein solches Eingreifen Gottes in diesen Entwickelungsgang behauptet, daß diesem ausschließlich und allein das Vorhandensein der Wahrheit unter den Menschen zugeschrieben wird. Man sagt uns:,, die Offenbarung mache das Wesen der jüdischen Lehre auö; werde von der Lehre des Judenthums das Geoffenbartsein getrennt, so schwinde diese selbst ganz und gar. Offenbamng aber sei eine unmittelbare Eingebung der Gottheit, ein Gegensatz zu dem, was der Mensch durch eigene Folgerung vermittelst Urtheile und Schlüsse erlangt; eine unmittelbare Mittheilung, Kundthuung des göttlichen Geistes an den Menschengeist. Auf diesem Wege seien die Grundlehren des Judenthums, wie dieselben in der Schrift enthalten sind, bekannt geworden. Ohne die Offenbarung gelten zu lassen, sei es reine Willkühr die anderen Lehren des Judenthums festhalten zu wollen. Allerdings sei die Offenbarung in ihrem Aktum unbegreiflich, aber das Begreifliche, nämlich die Lehren von Gott, Welt und Sittlichkeit, fänden erst in dem Unbegreiflichen ihren Erweis. Die Geschichte zeige, daß der menschliche Geist aus sich selbst nur zum Heidenthume gekommen und mithin unbefähigt sei die Erkenntnisse, welche die Offenbamng uns gibt, durch sich selbst zu finden." So wird also nun doch dem menschlichen Geiste das Recht, in göttlichen Dingen selbstständig verfahren zu wollen, abgesprochen. Es wird der Wahrheit entsprechend darauf hingewiesen, daß der menschliche Geist für das Göti liche von Natur finster sei. Der Schluß freilich