Dibre Emeth
- Journal
- Dibre Emeth
- Volume
- 25 (1869)
- Issue
- 1-2 (1869)
- Date
- 1869-01-01
- Page
- – (sequence 25)
- Language
- German
- Belongs to
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28 Vielfach beklagt man in-christlichen Kreisen die den Juden eingeräumten Freiheiten. Aber die Freiheit der Juden schadet uns nichts, sondern der Sinn der Christen, welcher gegen das christliche Glaubensleben gleichgültig oder feindlich wird und daher auch im eigenen Hause den Boden unter den Füßen verliert. Wahrhaft christlicher Ernst in der christlichen Gemeinde würde das beste Gleichgewicht sein, wenn auch alle politische Freiheit den Juden eingeräumt bliebe. Nicht die Gesetze an sich sind zu tadeln, denn sie mußten um der Gerechtigkeit willen in unseren Tagen, die ein so völlig von der Vergangenheit verschiedenes Gepräge an sich tragen, erlassen werden, sondern die Abnahme an christlichem Gehalt in der großen Volksmenge. Es ist aber durchaus falsch, den Strom, welcher sich aus bestimmten Quellen ergießt, mit allerlei kleinlichen Mitteln eindämmen zu wollen, das läßt nur die Ohnmacht der Widerstrebenden deutlich an den Tag treten ilnd steigert das Kraftgefühl derer, gegen welche man ankämpft; daß ein Anschwellen des Stromes überhaupt nicht erst geschehen kann, daß an den Quellen nicht das Unheil entsteht, dafür würde zu sorgen sein. Aber wir dürfen uns der Erkenntniß nicht verschließen, daß in dem Alten zu viel Todeskeime enthalten waren, die nunmehr herausbrechen, und Gottes Walten dies so geschehn läßt, damit wir uns nach einem Neuen vornhinstrecken. Uns, für die es noch eine christliche Zukunft Israels zum Heil aller Völker der ganzen Erde giebt, ist es nicht verborgen, daß die gegenwärtige Entwickelung des jüdischen Volks kein Spiel des Zufalls, sondern ein Werk göttlichen Waltens ist. Schon oben war bemerkt, daß selbst diejenigen Juden, welche die Culturbewegling der Neuzeit am Lebhaftesten begrüßen und bejubeln, doch die Augen sich nicht verschließen können, daß mit derselben das Judenthum in die Gefahr einer allgemeinen Nivellirung geräth. Die Anstrengungen auf jüdischer Seite dieser Gefahr zu entgehn sind mannigfache, ein Blick in die israelitischen Zeitschriften kann davon überzeugen. Aber unaufhaltsam geschieht das Niederreißen zum Nichtwiederaufstehn, unter den Wehklagen der Einen, unter dem Freudengeschrei, einstweilen noch, der Anderen. Von der Zeit dagegen verlangen fast alle Juden dasselbe und erhoffen in der Zukunft die völlige Ausgestaltung dessen, was die heutige Gegenwart ihnen gebracht hat.