Dibre Emeth
- Journal
- Dibre Emeth
- Volume
- 25 (1869)
- Issue
- 1-2 (1869)
- Date
- 1869-01-01
- Page
- – (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
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19 die Auseinandersetzungen auf Seiten der Reformer sind oft so gewundene und vielfach einander widersprechende, daß es schwierig ist sie auf ein eigentliches Durchschnittsresultat zu bringen. Vielfach versucht man, wie es stets in Uebergangsperioden geschieht, über die eigenen Grundsätze hinaus, die allerdings überhaupt ein ungemeines Schwanken zeigen, an dem Alten Testamente festzuhalten und das Unbequeme oder der eigenen Ueberzeugung gar zu sehr Widerstreitende damit zu beseitigen, daß man es symbolisch oder, wie man meint, geistig auffaßt und deutet. Wir haben ja dieselbe Erscheinung erlebt, als in der christlichen Kirche der Rationalismus sich mit der bis dahin herrschenden Orthodoxie auseinanderzusetzen hatte. Andererseits aber geht man offener zu Werke und läßt die Principien klar heraustreten. Man faßt dann das Alte Testament und den Talmud als menschlich-geschichtliche Erzeugnisse auf, als Bücher, welche die religiösen Gedanken des früheren Judenthums darlegen. So sagt ein bedeutender Gelehrter auf Seiten der Reformer „die althebräische und jüdisch-griechische Literatur, die heiligen Bücher des Judenthums und Christenthums, haben seit zwei Jahrtausenden die religiöse Zucht, die sittliche Erziehung und geistige Erhebung gefördert." Aber derselbe Gelehrte denkt nur an Anerkennung dieser Schriften, nicht an Unterordnung unter dieselben. Aus ihrer Zeit will er sie durchaus verstanden wissen, als volksthümliche Literatur der Juden, und bindenden Charakter für die Gegenwart gesteht er ihnen nirgends zu. Geschichtlich wird dann auch nur der Talmud aufgefaßt, und hier haben die Reformer den Orthodoxen gegenüber ein leichteres Spiel. Vor Allem werfen die Reformer den Orthodoxen mit vollem Recht vor, daß diese selbst eine durchaus freie Stellung dem Talmud gegenüber einnehmen und ihn gerade nur so weit als Norm des Judenthums gelten lassen, als er ihren Bestrebungen nicht hinderlich in den Weg tritt. Den allerprincipiellsten Widerspruch gegen den Talmud weisen die Reformer den Orthodoxen in ihrer Stellung zum ganzen Leben aus. Denn gerade was sonst um des Talmuds willen die Juden mit aller Macht abwehrten, selbst gliedlich in das Leben der anderen Nationen einzutreten, ist vielmehr auch der Orthodoxen ernstestes und thätigstes Bestreben geworden. Auch sie wollen politisch 2*