Dibre Emeth
- Journal
- Dibre Emeth
- Volume
- 25 (1869)
- Issue
- 1-2 (1869)
- Date
- 1869-01-01
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2554541-2554773-2554775--05062-2561009- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
17 wie es sich rächen muß, wenn die Wahrheit ein menschliches Zeitprodukt wird und nichts Unwandelbares ist, das vom Menschen ausgenommen und innerlichst angeeignet werden will. Man sieht, daß der Mensch selbst zum Schöpfer und Bildner der Wahrheit gemacht wird, deren lebendiger Träger und schönstes Gefäß zur Seligkeit seiner selbst er sein soll. Der feste Halt wird ihm genommen und er dafür in ein unruhiges Hin und Her hineingestürzt. Es ist ja allerdings wahr, „keine Wirkung ohne Ursache," aber die Reform begeht den verderblichen Jrrthum die Ursachen nicht zu unterscheiden, nicht das Göttliche vom Ungöttlichen und Widergöttlichen. Sie kennt nur Einseitigkeit und Allseitigkeit und nimmt damit den Ursachen ihren sittlichen Charakter. Wo aber die Menschheit selbst zum Ein und Alles gemacht wird, da kann es nicht fehlen, daß schließlich das tiefste und grundloseste Verderben das eigentliche Recht für sich in Anspruch nimmt. Wir haben im Vorbilde bei der Zerstörung des babylonischen Thurms und in der Kaiserzeit um die Geburt Christi gesehn, was Autorität ist, wenn der Menschheit dieselbe zugesprochen wird. Ob man sich auf Seiten der Reform über die eigenen Gedanken und Bestrebungen klar wird, was allerdings nicht geschieht, das macht nichts aus, wir haben es hier mit den Principien selbst zu thun und darzulegen, ob wirklich bei den geschilderten Anschauungen Religion ihre heilsame Bedeutung für das Leben behält. Wir sahen aber, daß die Reformer an Stelle der Offenbarung den Autoritätsglauben, d. h. die allgemeinen religiösen Gedanken der Menschheit, welche ihre Quelle in der menschlichen Vernunft haben, setzen. Der Vernllnst war dabei die Stelle angewiesen, daß sie fort und fort die weitere Entwickelung zu leiten habe, und mithin über jeder früheren Autorität oder Offenbarung stehe. Die Orthodoxen weisen auf dem Offenbarungsgebiet der Vernunft gleichfalls die erste Stelle an, aber sie betonen stets die Harmonie zwischen Vernunft und Offenbarung; denn ihnen sind allerdings „Offenbarung" nicht von Menschen selbst ausgehende, sondern von Gott noch zur eigenen Erkenntniß als Lohn hinzukommende neue Aufschlüsse. Wenn nun aber die Orthodoxen eine fortlaufende Entwickelung der Vernunft aner- 1869. 2