Dibre Emeth
- Journal
- Dibre Emeth
- Volume
- 25 (1869)
- Issue
- 1-2 (1869)
- Date
- 1869-01-01
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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11 Aber ebensosehr verliert die Religion bei den Reformern an ihrem Werth und ihrer Würde. Sie ist etwas so ganz Unbestimmtes, bei dem etwa nur da,s richtig betont wird, daß sie ihren Grund im Wesen des Menschen selbst besitzt und ein unveräußerliches Bedürfniß desselben ist, aber sie wird dabei mit gar vielen anderen Bedürfnissen auf eine bedenklich gleiche Stufe gestellt und zu einer Schöpfung des Menschen selbst umgestaltet, welche seinem Verlangen nach Gemeinschaft mit Gott Genüge leistet. Zedesfalls kommt Religion bei Orthodoxen sowohl als bei Reformern gar leicht zwischen Gott und Menschen zu stehen, sie ist das eine Mal etwas außer dem Menschen Befindliches und das andere Mal ein Etwas an dem Menschen. Was Religion wirklich ist, das finden wir auf beiden Seiten nicht recht erkannt; denn Religion ist in der Thal die innere Verbindung zwischen Mensch und Gott, nach welcher der Mensch mit allem Fühlen und Empfinden, mit allem Denken und Erkennen, mit allem Wollen und Vollbringen in der Gemeinschaft Gottes steht, der ihn zu solcher Gemeinschaft mit ihm selbst erschaffen hat; daher sie auch im Alten wie im Reuen Testament bildlich mit der vollkommensten Erdengemeinschaft, der Ehe, verglichen wird. Es fehlt bei den Orthodoxen die inwendig den ganzen Menschen ergreifende Verbindung mit Gott, es fehlt bei den Reformern die ewig gleiche, zwar völlig über dem Menschen stehende, aber dennoch ihn mit seinem ganzen Wesen in ihre Gemeinschaft hineinziehende Macht. Wir haben den Ausgangspunkt auf dem Gebiet des Religiösen bei den beiden jüdischen Parteien darzustellen versucht. Trafen sie auf diesem einerseits zusammen, und trennten sich andererseits doch auch sogleich ihre Wege, so werden wir die gleiche Wahrnehmung noch weiter machen dürfen, wenn gleich die Differenzen an manchen Stellen als das Ueberwiegende hervortreten werden. Es kann nicht Wunder nehmen, daß die Orthodoxen, welche von einer göttlichen Lehre sprechen, wenn sie das Wesen der Religion beschreiben, dem Gedanken der Offenbarung sich nicht ganz verschließen. Aber zugleich werden wir nach den früheren Ausführungen doppelt fragen müffen, wie stellt sich nun bei ihnen das Verhältniß von Vernunft und Offenbarung?