Dibre Emeth
- Journal
- Dibre Emeth
- Volume
- 25 (1869)
- Issue
- 1-2 (1869)
- Date
- 1869-01-01
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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9 mithin bei den orthodoxen Juden dieselbe Auffassung von Religion, welche unter den Rationalisten in der christlichen Kirche gang und gäbe ist, nur daß beide über die Zahl und Art der einzelnen Vorschriften rind Leistungen zuin Theil auseinandergehen. Auch fernerhin werden wir übrigens die sehr auffällige Aehnlichkeit der Rationalisten und der Juden in ihren religiösen Anschauungen zu bemerken haben. Den Reformern dagegen wird von den Orthodoxen der freilich nunmehr wunderbar klingende Vorwurf gemacht, daß ihnen die Religion nicht ein göttliches Gut sei, sondern ein irdisches Ding und daher auch wie dieses den Zeitftrömungen unterworfen. Bei Gelegenheit eines Streites, der über die Gestaltung des gottesdienstlichen Lebens der Juden von der „Allgemeinen Zeitung des Judenthums" (Reform) und dem „Israeliten" (orthodox), geführt wird, sehen wir auf Seiten der Reformer die Religion als ein Etwas betrachtet, das in ähnlicher, obwohl höherer Weise, wie etwa Musik, ein bestimmtes Bedürfniß unserer menschlichen Natur zu befriedigen habe. Religion ist hiernach das Mittel, welches dem menschlichen Bedürfniß mit Gott im Zusammenhänge zu stehn Abhilfe verschafft. Aber, was Religion ist, bestimmt sich so rein vom Menschen aus. Wesentlich ist es allerdings der Religion ein Band zwischen Gott und Menschen zu sein, aber der Mensch bereitet sich selbst das Band und bestimmt auch jeder Zeit die Art desselben. Soll daher den Menschen Religion erhalten bleiben, so muß darauf verzichtet werden in einer bestimmten Gestalt sie festhalten zu wollen. Denn die Religion trifft zwar die Seite des Menschen, nach welcher derselbe auf eine Gemeinschaft mit Gott angelegt ist, aber andererseits ist er auch von seinem Erdenleben in Anspruch genommen. Die Religion hat sich daher nach der Art des Zeitlebens, welches nun gerade der Mensch führt, zu gestalten. Sie steht in Abhängigkeit von dem Fortschritt, den die Ausbildung deS Erdenlebens der Menschen aufweift, und es ist eine Frage der fortdauernden Entwickelung, in welcher Weise man die Religion sich denkt oder wählt. So ist also Religion etwas von der Zeit Abhängiges und hat jedesfalls nichts Bleibendes in ihrer Erscheinung, sondern wechselt damit, wie es dem Menschen 'am meisten zusagt, den Zusammenhang