Dibre Emeth
- Journal
- Dibre Emeth
- Volume
- 24 (1868)
- Issue
- 5-6 (1868)
- Date
- 1868-01-01
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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77 Lebens, daß er damals noch ganz und gar keine Bekanntschaft mit irgend einem wahren Christen hatte, dem er seinen inner» Zustand hätte entdecken können; ja er glaubte, daß keine solche zu finden wären, weder in seiner Vaterstadt noch in der Umgegend. Sein Vater verheirathete sich wieder und es entstand nach und nach eine zweite Familie', in welcher die Kinder der ersten Frau im Hausein eine sehr ungünstige Stellung kamen. Als unser Moses sechszehn Jahre alt war, ging er nach Berlin zu seinem Onkel, der ihm aufrichtig zugethan war und mit dessen Kindern er zugleich unterrichtet wurde, so daß seine Erziehung einen erwünschten und vortheilhasten Fortgang hatte. Hier kam er aber auch mit freidenkenden Juden in Berührung, und wiewohl dieselben ihn nicht in das verderbliche Netz ihres Unglaubens ziehen konnten, so übten sie doch eine Zeit lang einen nachtheiligen Einfluß auf sein Leben und seinen Wandel. Sein Gewissen strafte ihn immer, so oft er ihren Lockungen folgte, und ließ ihm dann keine Ruhe. Als Preußen während der Kriege des ersten Napoleon so tief gedemüthiget wurde, entschloß sich Moses, einstweilen nach England zu gehen, bis wieder bessere Tage eintreten würden. Er schenkte dem Lande, in welchem er wohnte, seine ganze Sympathie, obgleich die Juden damals noch sehr unterdrückt waren. Seine Freunde billigten sein Vorhaben, versahen ihn mit Geld und gaben ihm einen Empfehlungsbrief an den damaligen Oberrabbiner Englands, Dr. Herschell, mit. Im Juli 1807 kam er in London an und wurde von dem Oberrabbiner freundlich empfangen, der ihn sogleich vor einem gewissen Meschummed, Herrn Frey, ernstlich warnte, der darauf ausgehe, die Juden zu verführen, daß sie sich sollten taufen lassen. Der junge Moses beachtete die Warnung kaum, da er es für unmöglich hielt, daß er je ein Nachfolger des Gekreuzigten werden könne. Am Sonnabend ging er zur Synagoge und wanderte dann in den Straßen Londons herum, erstaunt, solche Menschenmassen, solchen Reichthum und solches Leben zu sehen. Am Sonntage war er eben so überrascht, daß alle Läden geschloffen waren und so allgemeine Ruhe und Stille herrschte. Die Heilighaltung des Tages des Herrn war ihm etwas ganz Neues und er fragte seine jüdische Wirthin, was das zu bedeuten habe. Sie entgegnete: „Sie denken,