Dibre Emeth
- Journal
- Dibre Emeth
- Volume
- 24 (1868)
- Issue
- 5-6 (1868)
- Date
- 1868-01-01
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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76 gleich nicht in der Art und Weise, wie sie es erwartete. Der junge Moses wurde sorgfältig zu Hause von Lehrern unterrichtet, und sein Vater examinirte ihn wöchentlich, um sich zu überzeugen, welche Fortschritte er in der Kenntniß der rabbinischen Schriften, der hebräischen Bibel und der jüdischen Commentare über dieselbe mache. Auch besuchte er einen Theil des Tages die christliche Stadtschule, um noch in anderweitigen Gegenständen Unterricht zu empfangen; aber nie wurde ihm erlaubt, dem christlichen Religions-Unterricht daselbst beizuwohnen. Das Studium der Geschichte, Geographie, Poesie und Philosophie, ganz besonders der Werke Mendelssohn's zu Hause erweiterte seinen Geist. Bald kam er dahin, einen bedeutenden Unterschied zwischen den Schriften der Rabbiner und dem Worte Gottes des alten Testaments wahrzunehmen, und er fühlte je länger, desto mehr die große Schwierigkeit, diese zwei so sehr verschiedenen Schriften als „zwei Offenbarungen" anzunehmen, wie erste dem erhaltenen jüdischen Unterrichte gemäß ansehen sollte. Als er seine Bedenken seinem Vater und seinen Lehrern mittheilte, gab man ihm zur Antwort: Wir dürfen nicht zweifeln, sonst werden wir Epikuräer, was nach den Talmudisten soviel heißt, als Feinde oder Hasser Gottes." Als er aber sein Herz über den erwähnten Kampf in seinem Innern einem gelehrten polnischen Rabbi öffnete, gab dieser ihm gar keine Antwort, sondern sagte seinem Vater, sein Sohn sei von einem bösen Geiste besessen und würde höchst wahrscheinlich ein Meschummed, das ist, Apostat, werden. Sein Vater gerietst darüber in heftigen Zorn und züchtigte seinen Sohn mit derben Schlägen. Dieser behielt nunmehr seine Zweifel für sich selbst; aber je fleißiger er studirte, desto mehr nahmen dieselben zu. Er gelangte bald zu der klaren Ueberzeugung, daß der Talmud und die Bibel unmöglich beide von Gott kommen könnten, sondern daß jener nur eine menschliche Erfindung sei. Es ist grade jetzt, wo man sich in gewissen Kreisen in ausschweifenden Lobpreisungen über den Talmud ergeht, höchst interessant, wahrzunehmen, welche Wirkung derselbe auf das Gemüth eines Juden ausübt, der im eifrigsten Studium des Talmuds erzogen wird und durchaus keine Kenntniß vom Christenthum hat. Herr Moritz schreibt in einer Nachricht,- die in seiner eigenen Handschrift vor uns liegt, von jener frühen Zeit seines