Dibre Emeth
- Journal
- Dibre Emeth
- Volume
- 23 (1867)
- Issue
- 11-12 (1867)
- Date
- 1867-01-01
- Page
- – (sequence 20)
- Language
- German
- Belongs to
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180 Und nun mögen die heutigen Juden bedenken, was der Prophet ihres eigenen Volks von der Aufnahme, welche ihr Hirt erfahren wird, weissagen muß. Israel fordert einen Messias, der ihnen herrliche Tage auf Erden bringe; das hat es in Christi Zeit gethan, das thut es auch jetzt. Daran nimmt es Anstoß und hat es Anstoß genommen, daß es einen Hirten als Hirten Gottes empfangen soll, welcher in elenden Tagen von ihm Dank fordert. Was hat aber Israel für ein Recht, äußeres Wohlergehn und Befriedigung seiner Erdenwünsche als Erstes zu fordern, wenn ihm doch das Wort Jehovahs ausdrücklich verkündigt, daß der Hirt zuerst die Herzen im Druck und in der Roth erforschen wolle, ob Dankbarkeit und Glaube in ihnen wohne? Die Juden unserer Gegenwart mögen selbst sagen, ob das nicht die rechte Art des Wohlthuns ist, bei welcher man mit der Linderung der äußeren Roth auch die sittliche Hebung des ganzen Menschen im Auge hat? Wohlthaten, welche den Menschen nur immer träger und liederlicher und undankbarer machen, müssen endlich aufhören. Und wo man den Geber nur darauf ansieht, daß er immer mehr gebe; wo man ihn als den ergiebigen Brunnen ansteht, aus dem man ohne Dank nach Lust schöpfen will; wo man selbst mit Bosheit und Ungerechtigkeit ihm begegnet, weil er nach eigener Meinung nicht genug thut; wo man sogar mit ihm hadert, wenn man nicht alle Wünsche durch ihn beftiedigt findet, da ist es ein sittliches Gebot, endlich einmal der Güte ein Ziel zu setzen und den bösen Sinn es auch erfahren zu lassen, daß er aller Gerechtigkeit in das Gesicht schlägt. Gottes Güte will auch die Herzen zur Buße leiten, und wo dieselben sich nicht so leiten lassen, erwacht sein heiliger Zorn. Gott dräut zu strafen alle, welche seine Gebote übertreten, und das Gebot der Liebe, welches ja nicht am wenigsten in der Dankbarkeit seine Erfüllung sucht, soll nicht verletzt werden. Das Gesetz und die Propheten sagen dies eine: „Du sollst Gott lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von ganzem Gemüthe, von allen Kräften und den Nächsten als dich selbst. Und über der Beobachtung dessen wacht die Heiligkeit Gottes; denn auch seine Geduld ist nicht sittliche Schwäche, sondern hellige Liebe, welche eben deßhalb zum Grimm sich erheben kann.