Dibre Emeth
- Journal
- Dibre Emeth
- Volume
- 23 (1867)
- Issue
- 5-6 (1867)
- Date
- 1867-01-01
- Page
- – (sequence 25)
- Language
- German
- Belongs to
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89 und herzliche Fürbitte entgegenstellte, hat diese Liebe, die sich zuletzt für Israel aufopferte, dies Israel für sich gewonnen? Hat Israel sein Herz dieser Liebe eröffnet und hingegeben? Leider nein; unmittelbar nach dem Tode Jesu Christi nennen sie ihn noch einen Verführer; denn sie sprechen zu Pilato: „Herr, wir haben gedacht, daß dieser Verführer sprach, da er noch lebte: Ich will nach dreien Tagen auferstehen." Wenn auch Herr Cremieux in seinem „Schreiben an das Siecle," mitgetheilt in der Allgemeinen Zeitung d. I. No. 35. S. 551, 1866 ausruft: „Wenn Jesus auf die Eide Herabstiege, so würden die Juden des neunzehnten Jahrhunderts ihn sicher nicht kreuzigen," so sind dies leere Worte, wie man leicht sehen kann. Denn die Feindschaft, die sich unter den Reform-, wie unter den orthodoxen Juden gegen das ganze Christenthum gerade im 19. Jahrhundert kundgiebt, ist viel ärger und bittrer, weil sie trotz der Geschichte der 18 Jahrhunderte sich doch nicht bedeuten läßt, sondern gegen dieselbe ankämpft. Allein so nichtssagend von Seiten der Juden die Entschuldigung ist, die sie in dem unchristlichen Leben der Christen zu finden meinen, so können wir doch die Anklage nicht abweisen, in Absicht auf die Christenheit ist sie leider nur zu sehr gegründet. Der Herr ruft Jes. 62, 10 den Wächtern und Boten zu, die für Israels Bekehrung und Wiederherstellung wirken sollen: „Gehet hin, gehet hin durch die Thore, bereitet dem Volke den Weg; machet Bahn, machet Bahn, räumet die Steine auf." Zu diesen Steinen, die aufgeräumt werden sollen, gehört wohl besonders das gottlose Wesen, das ungöttliche und anstößige Leben der Christen, d. h. derer, die sich Christen nennen, es aber nicht sind. Vieles ist freilich den Juden anstößig und ärgerlich, was aber nicht zu beseitigen ist, sondern vielmehr als ein Panier vor ihnen aufgerichtet werden muß, vor Allem: Christus, der Gekreuzigte. Mit meinen Bemerkungen über die hiesigen Verhältnisse bin ich zu Ende, und ich könnte daher hier meinen Brief schließen; da ich indeß einmal beim Schreiben bin, will ich mir erlauben einige Worte über einen Gegenstand beizufügen, der mir beim Lesen der jüdischen Zeitschriften, die ich durch Ihre Güte erhalten habe, besonders aufgestoßen ist. Ohne Zweifel ist es Ihnen beim Lesen der erwähnten Zeitschriften eben so aufgefallen wie mir, mit welchem Eifer die Allg. Zeit, des