Dibre Emeth
- Journal
- Dibre Emeth
- Volume
- 22 (1866)
- Issue
- 7-8 (1866)
- Date
- 1866-01-01
- Page
- – (sequence 29)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/2554541-2554749-2554754--04567-2560499- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
125 vor eine im Glanz versammelte Volksmenge gebracht wurde, um gerichtet zu werden. Wir beide, Herr - Stern und ich, wurden zum Tode verurtheilt nach der Vorschrift des Theta Regest, einem Buche, von dem man fest glaubt, daß es göttlichen Ursprungs ist, und obschon ich während der Untersuchung wiederholt um Gnade bat, erhielt ich doch nur zur Antwort, auf die Fragen zu antworten, die an mich gerichtet wurden. Wir machten beide noch einmal den Versuch, es wurde uns aber einfach geantwortet: „Bukra," (Morgen) ein Wort bezeichnend für die morgenländische Raschheit. Während dieses Verhörs fielen zwei Soldaten, welche meine Ketten hielten, an meiner Seite nieder und wurden wie Scheinleichen weggetragen. Wir wurden nun in ein und dasselbe Zelt gebracht und es wurden uns Hand- und Fußschellen in solcher Weise angelegt, daß wir nicht aufrecht stehen konnten. Meine Fesseln waren von einer besondern grausamen Art. Gewöhnlich sind die Ringe durch zwei oder drei Glieder getrennt; die meinigen jedoch hielten meine Füße bis auf ein Achtel Zoll eng zusammen, wenn ich mich zu bewegen wünschte, so war ich genöthigt, auf Händen und Füßen zu kriechen. Sie werden „Sklavenfeffeln" genannt. Ich übergehe die Zwischenzeit bis zur Fesselung Ihrer britischen Majestät Consul und der anderen Europäer. Herrn Stern's und meine Lage wurden durch diesen neuen Vorgang etwas besser, aber was meine Frau, Frau Flad und die armen Kinder während dieses 3. Januar 1864 und der folgenden zwei Tage in Gondar litten, übersteigt jede Beschreibung. Sie wurden mißhandelt, verhöhnt und der Nahrung beraubt. In dieser äußersten Roth öffnete meine Frau die Bibel auf gut Glück und ihr Auge fiel auf die tröstenden Worte Joseph's zu seinen Brüdern, so geeignet, ihnen selbst Muth und Ergebung zu gewähren: „Fürchtet Euch nicht, ich will Euch versorgen und eure Kinder." Gott segnete die Nahrung meiner Frau so, daß fie die zwei Kinder (unser eigenes und das der Frau Flad) drei Tage vor dem Verhungern erhalten konnte. Sie wurden jedoch bald ins Lager gebracht, und Ende Januar 1864 wurde ihnen erlaubt,