Dibre Emeth
- Journal
- Dibre Emeth
- Volume
- 21 (1865)
- Issue
- 9-10 (1865)
- Date
- 1865-01-01
- Page
- – (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2554541-2554741-2554747--04388-2560315- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
147 Derselbe klagte mir nun am Vorabende des Bußsabbath — Schabbat Schuba — daß er leider am Sabbath großer Zahnschmerzen halber nicht werde predigen können. „Nun, sagte ich, mehr freilich im. Scherz als im Ernst, dann werde ich die Predigt halten. Er hielt mich beim Worte fest, und ich entschloß mich in der That dazu. Mein Tert war; „Suchet den Herrn, da er sich finden läßt, rufet ihn an, da er nahe-ist." Ich sprach zu den Züchtlingen, für die ich ein tiefes Mitleid empfand, und die auch zu mir, dem sie als angehenden Arzte all ihr leibliches Leid geklagt hatten, Zutrauen hatten, mit bewegter Seele, ihnen die Buße und Umkehr zum Bessern dringend ans Herz legend, und hatte kein besseres Gleichniß von der Gnade Gottes gegen den reuigen Sünder ihnen vorzuführen als die Geschichte von dem verlorenen Sohne, worüber sich mein Freund, der jüdische Prediger doch nicht wenig wunderte. — Als Arzt kam ich bald in eine Stadt, wo ich unter 4000 Christenseelen der einzige Jude war; ich war hier freudig mit den Fröhlichen an den christlichen Feiertagen, besuchte öfter die Kirche, reiste zur Grundsteinlegung des Melanchthon-Denkmals nach Wittenberg, wo ich das Lutherhaus besuchte, und tief nachdenkend an den Grabsteinen der beiden deutschen Hauptreformatoren: Luther und Melanchthon gestanden bin. Ich erkannte die Macht der welterobernden christlichen Kirche an, aber traurig schüttelte ich oft den Kopf, wenn mir die Entwickelung der Weltgeschichte nach Christus durch das Gedächtniß ging; denn auch nach Christus wandelt die Zeit, an deren kulturhistorischen Fortschritt ich nicht zweifelte, über Leichenfelder. Wie lange hat nach Luther das arme deutsche Reich um Christi Lehre willen, wie beide Partheien behaupteten, aus tausend Wunden geblutet! — Doch der Herr, der es mit uns so wohl meint, führte mich zu einer christlichen Prediger-Familie, wo ich endlich einmal den Hauch und Odem des christlichen Geistes verspürte. Doch ist es nicht wundersam, daß mir in dieser Stadt, wo ich, wie gesagt, unter 4000 Christen der einzige Abrahamite war, auch nicht ein Einziger ein Sterbenswörtlein (oder besser Lebenswörtlein) von der frohen Botschaft, die doch aller Creatur gepredigt werden soll, verkündigte? Können sich die Juden unter solchen Umständen noch über Unduldsamkeit beklagen? Der wahre Christ aber, der die Aufgabe seines Herrn 10*