Mannheim
Compact Memory

Dibre Emeth · 1865-01-01 · 9-10 (1865) · page 16

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dibre Emeth
Volume
21 (1865)
Issue
9-10 (1865)
Date
1865-01-01
Page
– (sequence 16)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2554541-2554741-2554747--04385-2560312
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

144 Feind war auch alsbaldmit dem Unkraut da. Ein älterer jüdischer Knabe wirkte nämlich wie im Allgemeinen, so auch in dieser Beziehung sehr unheilvoll auf mich ein; der Name Jesu ward mir durch ihn ein Stein des Anstoßes und ging mir gar schwer über die Lippen. Noch heute trägt meine alte lutherische Bibel Spuren dieses bösen Geistes, der uns so weit trieb, den geheiligten Namen Jesu mit Tinte oder Rothstift durchzustreichen — Jesus aber sprach: Vater, vergieb ihnen, denn sie wissen nicht, was sie thun. — Aelter geworden besuchte ich in den hohem Klaffen den christlichen Religionsunterricht nicht mehr, so daß, was ich noch vom Christenthum späterlernte, aus den Geschichtsstunden —besonders zog mich die Reformationszeit sehr an — oder aus der Lectüre»herrührte. — Nahm ich nun auch am Religionsunterricht keinen Theil, so hatte die Stimme des guten Hirten doch Gelegenheit mich bei den gemeinsamen Morgenandachten zu sich zu locken. Auf wessen Gemüth übte der frische, herrliche evangelische Choral keinen Eindruck! Leider wird das Gebet, immer dasselbe und immer von demselben Knaben gesprochen, ein solches Gewohnheitsding, daß es Weihe und Kraft verliert. Aber es kam auch noch Aergerniß dazu; denn eines Tages ließ mich der Kantor rufen und sagte mir in mißmuthiger Stimmung, ich hätte während der Andacht gelacht. Gott weiß es, ob es wahr ist; sollte es geschehen sein, so wahr es wahrlich nicht aus Bosheit. Ach warum hat der Lehrer es nicht als jugendlichen Fehler aufgefaßt! Geschah es in christlichem Geiste, daß er uns jüdische Knaben von der Morgenandacht ausschloß! Wollte er das Heiligthum nicht den Hunden geben? Gott, der Herzenkündiger weiß es. Aber die Lockstimme des Freundes verstummte. — Inzwischen erhielt ich Unterricht im Hebräischen; ich übersetzte, ohne aber eine rechte Erklärung des Gelesenen von Seiten des Lehrers, die fünf Bücher Moses, einen Theil der Psalmen und historischen Schriften — aber die Propheten blieben mir wie den meisten Juden ein unbekanntes Gebiet. Dabei war mir der freilich mehr äußerliche Gegensatz zwischen Jud' und Christ klarer geworden, wozu leider das Betragen meiner christlichen Mitschüler nicht wenig beitrug. O, es ist schwer zu begreifen, welcheKränkungen so ein armes Judenkind in der Schule zu ertragen hat! Ich hatte zwar auch recht gute christ-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.