Dibre Emeth
- Journal
- Dibre Emeth
- Volume
- 21 (1865)
- Issue
- 1-2 (1865)
- Date
- 1865-01-01
- Page
- – (sequence 25)
- Language
- German
- Belongs to
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gleich gestellt, ja über dieselbe erhoben. Letzteres ist zwar in dem „Lehrbuche" nicht gradezu ausgesprochen; aber die angeführten Grundsätze führen von selbst zu diesen Ansichten, die ja auch unter den orthodoxen Juden allgemein sind. Denn nach ihrer Meinung hat die Bibel ohne Erklärung keinen Werth oder Nutzen. Die Erklärung, d. i. der Talmud, steht ihnen also höher. Die Gleichstellung der Tradition mit der heiligen Schrift selbst ist bei verschiedenen Gelegenheiten ausgesprochen; denn Dinge, die nur von der Tradition geboten werden, werden als Gebote der heiligen Schrift hingestellt. So heißt es S. 125 ausdrücklich: „Sie — die heilige Schrift — gebietet, daß wir den Sabbat... durch Kidusch begrüßen und sein Scheiden mit Habdolah*) begleiten sollen". Es wird allerdings Jes. 58, 13.14 angeführt, welche Stelle wohl den ausgesprochenen Satz beweisen soll, aber wo ist in diesem Spruche oder sonst in der ganzen heiligen Schrift ein Gedanke von einem Gebote, „den Sabbat durch Kidusch" zu „begrüßen und sein Scheiden mit Habdolah" zu „begleiten"? Eben so wird S. 151 behauptet, „die heilige Schrift ertheile die Vorschrift, daß keine Speise, aus Fleisch und Milch gemischt, zubereitet, genossen oder benutzt werden darf." Die Stelle, welche als Beweis für eine solche biblische „Vorschrift" angeführt wird, ist die bekannte 2. Mos. 23, 19: „Du sollst das Böcklein nicht kochen, dieweil es an seiner Mutter Milch ist," oder wie unser Verfasser sagt: „Du sollst nicht kochen das Böcklein in der Milch seiner Mutter." Aus diesen Worten leiten die Talmudisten eine Menge alberner Speisegesetze ab, die aber in dem Worte der Schrift nicht den allergeringsten Gmnd haben, sondern lediglich aus der schwärmerischen Phantasie der Rabbinen entspmngen sind. Aber diese Einfälle werden auch in unserm „Lehrbuch" zur „Vorschrift der heiligen Schrift" gestempelt. Nach dem eben Angeführten möchte man vielleicht geneigt sein, das „Lehrbuch" für ein entschieden orthodores zu erklären und von diesem Standpunkte aus würden die gerügten Mängel nur Vorzüge *) Der Ausdruck Liäu8eU bezeichnet Gebete, die zu Anfänge des Sabbats gesprochen und Habdolah solche, die am Schluß desselben gebetet werden.