Dibre Emeth
- Journal
- Dibre Emeth
- Volume
- 20 (1864)
- Issue
- 7-8 (1864)
- Date
- 1864-01-01
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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102 unser Gott ist ein. einiger — echod — Herr." Der persönliche und wesentliche Gott, der sich bei den verschiedensten Gelegenheiten als ein bestimmtes Wesen, als eine Person, geoffenbaret hat, wird so vergeistigt, daß er nach den Vor- und Darstellungen der modernen Judenlehrer ein ganz abstrakter Begriff ist, eine bloße Kraft, irgend eine Eigenschaft, ein Gedanke, oder wie man es nennen will; der Messias, der durch die ganze heilige Schrift hindurch als eine bestimmte Persönlichkeit erscheint, den das talmudische oder rabbinische Judenthum auch wohl niemals anders als eine bestimmte, leibhaftige Person sich gedacht und erwartet hat, wird jetzt, je länger desto allgemeiner in eine messtanische Zeit, in einen messtanischen Zustand vergeistigt und verflüchtigt. Die Entwickelungs- und Culturjuden sind schon so weit in ihrer Cultur fortgeschritten, daß sie gar nicht mehr zu wissen scheinen, eine messtanische Zeit, ein messianischer Zustand ohne einen bestimmten Messias sei eben solcher Unsinn, wie es Unsinn wäre, von einer königlichen Regierung, von einem königlichen Gesetz zu sprechen und zu schreiben, ohne daß es je einen König gegeben habe, der eine solche Regierung eingesetzt, ein solches Gesetz erlassen habe; oder wie es Unsinn wäre, von rabbinischen Bestimmungen und Verordnungen zu sprechen, ohne daß es je einen Rabbi gegeben habe, und diese Verordnungen sich von selbst gemacht hätten. So wenig von göttlichen oder menschlichen Dingen gesprochen werden kann, wenn es keinen Gott und keinen Menschen gäbe, so wenig kann von einem messtanischen Zustande die Rede sein, wenn es keinen Messias giebt. Eine solche Sprache ist ein Widerspruch in sich selbst. Diese moderne Ansicht existirt aber nicht bloß unter den sogenannten Reformjuden, sondern sie wird auch unter denjenigen gefunden und von solchen behauptet, die als orthodox gelten, oder „sich" zu denselben „zählen." So lesen wir in Nr. 50 der allg. Z. d. I. S. 775 von 1863, daß auch Dr. Grätz, der bekanntlich an dem orthodox sein wollenden oder sollenden Seminar in Breslau Lehrer ist, in einem Artikel: „„die Verjüngung des jüdischen Stammes"" „die messianischen Bezeichnungen im 8. Jesaias nicht auf einen persönlichen Messias, sondern auf das ganze Volk Israel bezogen wissen will." Es ist bei dem heutigen Judenthum ein solches Leugnen eines persön-