Dibre Emeth
- Journal
- Dibre Emeth
- Volume
- 18 (1862)
- Issue
- 11-12 (1862)
- Date
- 1862-01-01
- Page
- – (sequence 28)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2554541-2554717-2554724--03819-2559729- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
196 hatten. Das Verlangen nach der Schrift an diesem Orte, wie an jedem andern, den wir besuchten, bestätigte die im achten Kapitel Amos enthaltene Weissagung aufs Genaueste. Einige, Männer folgten uns Tag für Tag über Berge und Felsen, vollkommen gleichgültig gegen Mühe und Hunger, gegen Beschwerden und Ermüdungen, aus keiner andern Absicht als der, das allgemeine Verlangen zu stillen, für ihre Niederlassungen ein Eremplar des geoffenbarten Wortes Gottes zu sichern. Diejenigen, welche so glücklich waren, diesen heiligen Schatz zu erhalten, zeigten ihre grenzenlose Dankbarkeit damit, daß sie uns Geschenke von Geflügel, Brod und Milch brachten, während sich Andere, welche aus einer Entfernung von vielen ermüdenden Tagereisen kamen, sich auf dem Boden niederwarfen und, ungeachtet unserer eindringlichen Bitten, uns Hände und Füße, ja selbst den Boden, wo wir saßen, küssen wollten, zum Zeichen ihrer Dankbarkeit für die Gabe, die wir ihnen dargereicht hatten. Es war in der That ein ergreifender, aber auch ein erfreulicher Anblick, diesen Hunger nach dem Worte Gottes —das ungestüme Verlangen nach der vom Himmel gesandten Urkunde zu sehen. DaS Tageslicht fand uns wieder auf einer ermattenden und ermüdenden Reise in süd-westlicher Richtung unfern Weg nach Alafa zu verfolgen, einem Distrikte, der an die ungesunden Thäler und Gebüsche von Quora gränzt. Das Land, das wir nun zu durchwandern hatten, nannten unsere Abysstnier ein Birha, oder herrenlose Wildniß, und in der That war dies ein ganz geeigneter Name; denn weder die weite Ebene, die fette Weide, noch die grünen Berge waren mit Bauerhütten bedeckt, oder von grasenden Heerden belebt. Der Fluch des Bürgerkrieges, welcher länger als Jahrhunderte gleich einer verheerenden Pest ungehindert in diesem unglücklichen Lande gewüthet hat, hat ganze Provinzen entvölkert und Gegenden wüste gelegt, welche selbst in ihrem gegenwärtigen elenden und traurigen Anblicke die Lieblichkeit eines verlassenen Edens und die Reize des Paradieses in Ruinen uns zulächeln. Gegen Mittag stiegen wir hinab in eine tiefe, gut bewässerte Schlucht, wo die senkrechten Strahlen einer unbarmherzigen Sonne mit einer so heftigen und concentrirten Gewalt auf uns fielen, daß ungeachtet der weiten Reise, die wir noch zu machen hatten, ein Jeder eilte, einen Zufluchtsort und Schutz unter dem dichten Laubwerke der majestätischen Bäume zu suchen. Als der heiße Mittag vorbei war, setzte sich unsere Karavane wieder in Bewegung und nach manchem gefährlichen Klettern die abschüssigen Pfade und spurlosen Berge entlang, kamen wir endlich nach Adeida Miriam, einem Dorfe, das in der Mitte einer großen Bevölkerung von Felaschas liegt. Der Schum oder Statthalter von Alafa, einer von der zahlreichen Klasse der Abysstnier, welche jeden Weißen mit einem bevorurtheilten und feindseligen Auge betrachten, kam uns nicht mit einer