Dibre Emeth
- Journal
- Dibre Emeth
- Volume
- 18 (1862)
- Issue
- 11-12 (1862)
- Date
- 1862-01-01
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2554541-2554717-2554724--03803-2559713- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
180 doch fromm sein, einmal im Jahre muß man doch in den Tempel gehen und seine Andacht verrichten. Man betrachtet es als einen Hofedienst, der geleistet werden muß, und ist froh wenn er vorüber ist. Daher hört man von Manchem am Ende des Versöhnungstages Aeußerungen wie: nun Gott sei Dank, auf ein Jahr ists wieder vorüber. Andere äußern sich von Zeit zu Zeit, wie Schreiber dieses auch schon wiederholentlich gehört hat, all solches Wesen müsse aufhören, alle sogenannten Geistlichen vom Papst bis zum Religionslehrer müssen fort; denn in unserm Zeitalter besitze ein Jeder Bildung genug, daß er sich von keinem Pfarrer, oder Priester oder Rabbiner irgend welche Religion brauche vorschreibeu zu lassen; sondern ein Jeder mache sich seine Religion selber nach seinem Belieben und nach seinem Bedürfniß. „Wie hat der Herr die Tochter Zion mit seinem Zorn überschüttet! Der Herr hat seinen Altar verworfen und sein Heiligthum verbannet!" Klaget. 2, 1.7. Darum fragen und klagen wir: Soll das ein Versöhnungstag sein? — Reisebericht des Missionspredigers Stern zu den Felaschas oder Juden in Abyssinien. (Schluß.) Unsere unerwartete Ankunft brachte eine außerordentlich große Aufregung hervor, und Jung und Alt verließen ihre Arbeit und eilten mit ihren beiden priesterlichen Häuptern, die weißen Felaschas zu sehen. Die erhabenen Wahrheiten, bei welchen wir in Oibga verweilt hatten, wurden wieder vorgenommen, und zu ihrem Erstaunen und ihrer Verwunderung sahen sie alle, daß das Gesetz, auf welches sie bisher ihr Vertrauen gesetzt und an welches sie geglaubt hatten, nur die Zeit und nicht die Ewigkeit, nur zeitliche und nicht geistliche Verheißungen zum Lohne hätte. Ganz vertieft in diesen erhabenen Gegenstand verweilten wir eine beträchtliche Zeit bei dieser interessanten Versammlung, und als uns endlich die sinkende Sonne erinnerte, daß wir ausbrechen müßten, so überzeugten uns die glänzenden Augen und der große Trübsinn der Meisten, daß die Verkündigung der Gnade, obschon sie dieselbe nur zum ersten Mal gehört hatten, ihre