Dibre Emeth
- Journal
- Dibre Emeth
- Volume
- 18 (1862)
- Issue
- 9-10 (1862)
- Date
- 1862-01-01
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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146 nehmen würde, Nachmittags um die vierte Stunde bei ihm zu erscheinen. Eine freundliche Aufforderung seinerseits ward mir zu Theil. Die angegebene Zeit nahm ich wahr, wurde, nachdem ich durch den Dienstboten angemeldet war, freundlich empfangen, durch zwei der Borstuben in die Hinterstube geführt, woselbst der Rabbi mit seinem Gesichte nach dem Ofen hingewendet und in stehender Stellung sein Gebet verrichtete. Wie natürlich ließ sich Herr .... nicht stören, obwohl eine der Töchter desselben in wohlwollender Weife mich zum Sitzen nöthigte. Die würdige Persönlichkeit des Rabbi, der die heiligste Handlung auf Erden verrichtete, der vermöge des Gebets mit seinem Gotte redete und somit unsichtbare Boten zu seinem Throne emporschickte, machte auf mich um so mehr einen erhebenden Eindruck, als die lebendigen Gesticulationen von einer Innigkeit deS Herzens wohl einen lebendigen Ausdruck zu geben im Stande waren, und muß ich es offen gestehen, daß, wenn ich diesen betenden Greis etwa durch ein Schlüsselloch in einem verschlossenen Kämmerlein gewahrt hätte, ich von einem himmlischen Gefühl überwältigt, von auswärts her auf meine Kniee gestürzt und gleichzeitig im Verborgenen zu meinem Herrn gebetet hätte. Hier ward der Eindruck sehr bald dadurch geschwächt, als inzwischen des Gebets, das der Rabbi noch immerfort hielt, zwei Töchter desselben laut redend in die Stube traten und mit der Mutter weltliche Gespräche anknüpften, die sich unter Andern auch auf den Einkauf von Pfefferkuchen bezogen; denn Weihnachten war vor der Thüre, und es wurde mir aus diesem Gespräch von Neuem so recht zur Gewißheit, wie auch die Juden und selbst diejenigen, welche in ihren heiligen Urkunden gar trefflich bewandert sind, bei alledem Christum, den bereits erschienenen Messias verwerfen, dennoch äußerlich ihm die Ehre nicht versagen können, und das um so weniger bei gewissen Festzeiten des christlichen Kirchenjahres, dessen Gnadensonne Jesus ist; und auch in dieser Beziehung dachte ich für den vorliegenden Fall unwillkürlich an die prophetische Verheißung: „ich will mir die Starken zum Raube nehmen." Das Gebet des Rabbi, welches mindestens tv bis 15 Minuten gewährt hatte, war beendet. Er trat mit vieler Milde zu mir, welche in seiner orientalischen Physiognomie sich ausprägte,