Dibre Emeth
- Journal
- Dibre Emeth
- Volume
- 15 (1859)
- Issue
- 8-9 (1859)
- Date
- 1859-01-01
- Page
- – (sequence 29)
- Language
- German
- Belongs to
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141 In einiger Entfernung vom Kirchhofe hörte ich mit einem Mule ein eigenthümlicheS Geräusch, ähnlich dem Geräusch eines Baches und fragte meine Begleiter, was das wohl sein möge? Es ist, war die Antwort, die Stimme der Männer, die ich gemiethet habe, am Grabe zu beten. Ich fühlte mich eigentlich unheimlich bei einem solchen Thun und Treiben und schwieg still. Als wir des Grabes ansichtig wurden, fingen alle an zu weinen. Der feierliche Ernst des Augenblickes, die innige Herzlichkeit, mit welcher Herr V. — seiner verstorbenen Frau gedachte, das laute Hersagen der Gebete, die die Luft durchdrängen, besonders aber der Gedanke, daß die Hingegangene ohne Hoffnung gelebt hatte und gestorben war, weil sie den Heiland nicht kannte, und daß meine lieben Begleiter bei aller Bildung und Kenntniß, doch in tiefem Aberglauben und Unwissenheit steckten — dies Alles reichte hin, um ein steinernes Herz zu brechen. Auch ich konnte mich der Thränen nicht enthalten. Ich blickte auf zum Herrn und flehte um Gnade, er möge mir das rechte Wort geben, das ich reden sollte, und dasselbe reichlich segnen. Als wir zum Grabe kamen, warf sich der Vater auf dasselbe und küßte es. Seine Söhne thaten dasselbe; die gemiethcten Beter aber beteten mit um so lauterer Stimme und desto größerer Bewegung ihres Körpers. Es waren zehn Rabbis, beim diese Zahl ist nöthig, um eine Gemeine zu bilden, die Psalmen und Gebete für die Todten hersagten. Ein ganz eigenthümlicher Zug dieser Ceremonie war der, daß am Ende der ganzen Feierlichkeit ein Abschnitt aus der Mischna gelesen wurde, der von einem ganz gleichgültigen Gegenstände handelt, oder wenigstens von einem bei solcher Gelegenheit höchst unpassenden, nämlich von der Landwirthschaft. Zum Schluß sagte Herr V. das wohlbekannte Kadisch, d. i. Gebet für die Todten. Ich meinte nun, wir würden unfern Rückweg antreten, aber Herr V. sagte: „Da wir grade hier sind, so werden die Rabbis dieselben Gebe:? auch am Grabe meines Sohnes hersagen, der 14 Tage nach seiner Mutter starb." Nachdem dieselben Gebete, dieselben Psalmen, dieselbe Mischna und dasselbe Kadisch, dieselben Seufzer und die gleiche Anzahl von Küssen aus das Grab und auf die Bücher wiederholt waren, eilten die Rabbis, zufrieden mit ihrem Lohne für so und so viele