Mannheim
Compact Memory

Dibre Emeth · 1858-01-01 · 11-12 (1858) · page 25

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dibre Emeth
Volume
14 (1858)
Issue
11-12 (1858)
Date
1858-01-01
Page
– (sequence 25)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2554541-2554686-2554693--03003-2558890
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

185 pheten haben geredet und gezeugt bis in den Tod, warum ist er denn verstummt? Er war ein vorzüglicher Mensch, wir wollen es nicht leugnen, aber wir haben ihn von Anfang an durchschaut. Seine Hoffahrt hat ihn gestürzt. Er hat euch betrogen und er hat Gott gelästert! Er steht nicht neben, er steht unter Barabbas. Barabbas hat sich an Menschen vergangen, dieser hat wider Gott gefrevelt. Wer für Israel ist, wer für Moses ist, wer für den Tempel ist, wer für Gott ist, der muß wider ihn sein. Wie könnt ihr euch nur besinnen, wen ihr wählen sollt? Dieses und Aehnliches haben sie gewiß zu dem Volk geredet und es ist wirklich der Augenblick gekommen, wo Alles, was die Lügner sagen, wahr scheint, und Alles, was der Herr gesagt hat, wie Lüge und Lästerung aussieht. Es hat wirklich die Stunde der Finsterniß geschlagen, wo die Lüge die Macht hat, alles Bessere im Menschen zum Schweigen zu bringen, und alles Böse im Menschen bis zur dämonischen Raserei zu steigern. Es reget und beweget sich im Volk, es geht ein Murren durch seine Reihen, wie das Rauschen des Meeres, wenn der Orkan aufängt seine Tiefen zu bewegen und endlich ertönt, wie der Donner aus einer Gewitterwolke, der tausendstimmige Ruf: Barabbas gieb uns los! Pilatus erschrickt. Er kann diesen Ruf nicht begreifen. Er kann solchen Haß nicht fassen; er kann sich diesen plötzlich unerwarteten Ausspruch einer rasenden Wuth nicht erklären; er kann nicht glauben, was er gehört hat. Es ist ja auch möglich, daß in diesem Ruf nicht die Verwerfung Jesu liegt. Vielleicht wünscht das Volk Beide los zu haben und fordert zuerst den Barabbas, weil es der Loslassung Jesu sicher ist. Auf keinen Fall liegt in dem Ruf: Barabbas gieb uns los! der Ruf: Jesus sterbe! Pilatus sieht daher die Sache noch nicht als entschieden an. Er stellt noch einmal die Frage: Was soll ich denn mit Jesus machen? Sie könnten ja antworten: gieb ihn auch los. Er hofft es ohne Zweifel; in seiner Frage liegt sein Wunsch und seine Erwartung, aber dieses Mal besinnt sich das Volk nicht mehr. Schnell folgt die Antwort seiner Frage. In höchster Erbitterung heißt's: hinweg mit ihm! kreuzige ihn! So ist denn Pilatus gefangen in seinem eignen Netz. Er hat

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.