Dibre Emeth
- Journal
- Dibre Emeth
- Volume
- 14 (1858)
- Issue
- 11-12 (1858)
- Date
- 1858-01-01
- Page
- – (sequence 22)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/2554541-2554686-2554693--03000-2558887- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
keine Lust, und mich darüber zu vertheidigen, daß ich gethan habe, was meines Amtes ist: wann und wo ich dazu berufen bin ohne Ansehen der Person das Wort Gottes zu verkündigen, dazu kann ich mich nicht herablassen. Ob cs orts- und zeitgemäß war, gerade über den Fall des jüdischen Volks zu predigen, darüber steht Jedem das Unheil ftei. Es kann mir aber Niemand verdenken, wenn ich diese Freiheit auch für mich selber in Anspruch nehme. Wie ich aber dazu gekommen bin, gerade dieses Thema zu wählen, will ich in' wenigen Worten mittheilen. Einige Freunde kamen mit mir in den Theil der Stadt, der ganz von den Juden besetzt ist, wo sie nicht nur die Häuser bewohnen, sondern auch die beiden Seiten der Straßen mit Buden und Maaren-Tischen, die stets von einer Menge Menschen umlagert sind, ganz besetzt haben. Dieser Anblick, der wirklich einzig in seiner Art ist, erfüllte unsere Herzen mit tiefem Schmerz über das Volk, von dem uns das Heil gekommen ist, während es selbst in das tiefste Elend ist gesunken. Einer meiner Freunde ries aus: „Hier müßte über das Volk Israel gepredigt werden," und darüber redend gingen wir weiter. Am andern Morgen, als ich aus der stillen Stube meiner ländlichen Wohnung die Aushängebogen einer Predigtsammlung — (nächstens wird sie bei Heyder und Zimmer in Frankfurt a. M. erscheinen, unter dem Titel: Passions- und Fest-Predigten von Lr. Mall et) — durchsah, fiel mir grade die Predigt über Ev. Luc. 23, 13—25 in die Hände. Ich las sie mit bewegter Seele, und als ich sie gelesen hatte, mußte ich in der Erinnerung an das Wort meines Freundes, mit dem ich zu Bett gegangen und wieder aufgestanden war, sagen: Ja, hier muß über das Volk Israel gepredigt werden und diese Predigt muß hier gehalten werden. Der Text, den ich mir zur Kirchentags-Predigt gewählt, und mit dem sich meine Seele beschäftigt hatte, war mir nun genommen, und diese ernste und heilige Geschichte hatte seine Stelle eingenommen. Ich mußte mit Auslassung der Einleitung und mit einem für die Umstände berechneten Vorwort diese Predigt halten. Mein Herr Verleger wird hoffentlich nichts dagegen haben, wenn ich hier die hauptsächlichsten Stellen aus der Predigt mittheile, die das Zornes-