Dibre Emeth
- Journal
- Dibre Emeth
- Volume
- 14 (1858)
- Issue
- 7-8 (1858)
- Date
- 1858-01-01
- Page
- – (sequence 27)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/2554541-2554686-2554691--02939-2558824- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
123 das mich, schrie er, wie jeden Juden, der eS liest, zum Schmad, d. i. zur christlichen Taufe, führen würde. Mein Vater wurde darüber nachdenkend; da er aber unbedingtes Vertrauen in die Kraft des Talmuds und der Mischna setzte, worin ich gehörig unterrichtet war, erwiderte er: „Keine Macht wird im Stande sein, diesen meinen Sohn aus der starken Festung unsrer heil. Religion, in die wir ihn gesetzt haben,, herauszubringen. Jurist muß er werden, und wer weiß, ob er nicht Staatsminister werden und als ein zweiter Mordochai alle Gojim — d. i. Christen — wie einen Haman an den Galgen hängen kann?" Mein Vater hat sich sehr geirrt. Denn was die Festung unsrer Religion betrifft, so war ich schon aus derselben entlausen; daß ich aber ein Mordochai und ein Staats-Minister werden sollte, dazu hat es keinen Anschein, noch ist Gefahr vorhanden. Aber in den Bemerkungen deS Rabbiners hat mich eine Sache so mächtig ergriffen, daß sie nicht aus meinem Gemüth verschwunden ist, nämlich die, daß das bloße Lesen des Neuen Testam. eine solche Gewalt über das Gemüth eines Juden haben sollte, daß er nicht anders könne, als die Religion anzunehmen, welche dasselbe lehrt. Ich hörte Sie predigen, es geschah — denn ich war damals ein Knabe von etwa vierzehn Jahren — mit zitterndem Herzen, theils aus Furcht vor den Juden, die mich sehen und meinem Vater davon erzählen möchten, theils aber auch aus Furcht, ich möchte überzeugt werden: Jesus ist der Messias; und doch hatte ich ein Verlangen nach solcher Ueberzeugung in meinem Herzen. Sind wir nicht sonderbare Geschöpfe? Ich kaufte ein N. Test., aber dann hatte ich wieder Furcht es zu lesen; die Besorgniß, ich möchte in der Schlinge, die es für den Juden hat, gefangen werden, wie der Rabbiner prophezeihte, hielt mich zurück. Ich schloß das Buch ein. und warf nur dann und wann einen Blick auf dasselbe. Meine Augen wurden allmälig mit dem Gegenstände vertraut; ich öffnete das Buch, ich fing an zu lesen, und es bestätigte sich, ich konnte nicht aufhören zu lesen und ich lese es noch bis auf den heutigen Tag seit vielen Jahren. Ich: Wohnen Sie bet Ihrem Vater? Cr: Nein; aber er kennt den Zustand meines Herzens und