Dibre Emeth
- Journal
- Dibre Emeth
- Volume
- 13 (1857)
- Issue
- 12 (1857)
- Date
- 1857-01-01
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2554541-2554677-2554685--02789-2558670- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
189 gellenden und unharmonischen Tönen eine Bedeutung beigelegt werden dürfte, schienen zu denken, daß Niemand ein Recht hätte, am siebenten Tage in dies Gebiet einzudringen. Wir gingen fort, wie ich sagte, als der Morgen zu grauen begann, aber in diesem Himmelsstriche verwandelt sich die Nacht so unbemerkt in den Tag, daß die Sonne bereits hoch am Himmel stand, als wir die Synagoge erreichten. Als mehrere meiner jüdischen Freunde hörten, daß ich gekommen sei, eilten sie nach der Thür zu und jauchzten, ihren Platz und ihre Andacht nicht achtend, mit aller Macht: „Baruch habah, baruch habah!" (gelobt sei, der da kommt.) Nachdem das Geräusch und die Aufregung ein wenig nachgelassen hatten, nahm ich meinen Platz auf dem Teppiche der Obersten und erwartete geduldig den Schluß des Gottesdienstes. Kaum war das letzte Amen gesprochen worden, als sich Jung und Alt, der gelehrte Rabbiner und das ungelehrte am Haarez (unwissendes Volk) um mich versammelten und mich mit großem Lärm aufforderten, eine Derascha, d. i. einen Vortrag zu halten. Es war nicht nöthig, diese Einladung zu wiederholen, denn die an diesem Orte der Anbetung versammelte Menge unsterblicher Wesen, würde mich selbst unter weniger günstigen Umständen bewogen haben, sie zu ermahnen, zu bitten, zu überreden und zu drängen, daß sie dem zukünftigen Zorn entrinnen möchten. Meine Predigt, denn eine solche war es in der That, dauerte ungefähr eine Stunde, und obschon die rabbinischen Juden nicht gewohnt sind zu schweigen, wenn in einem religiösen Gespräche etwas gesagt wird, was gegen ihre Meinung ist und wider ihre Vorurtheile streitet, so waltete doch während ich sprach in der angefüllten Synagoge eine athemlose Stille. Ehe ich das Bethaus verließ, wo mehr als fünfhundert erwachsene Personen beisammen gewesen sein mußten, (denn viele von den nächsten Versammlungen waren hingezogen worden) vertheilte ich ein Packet Traktate, und dann zog ich mich, von einer großen Menge Volks begleitet, in das Haus Soliman-el-Nadaffs zurück, um daselbst zu frühstücken. Während des Frühstücks begannen vie Juden, welche Eintritt in die Stube erhalten hatten, eine warme und belebte Discussson über die Gegenstände, auf welche ich in meiner Rede angespielt hatte. Um 8 Uhr Nachmittags kamen