Dibre Emeth
- Journal
- Dibre Emeth
- Volume
- 13 (1857)
- Issue
- 10-11 (1857)
- Date
- 1857-01-01
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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147 Klagelied ist der 137. Psalm, da heißt eö: An den Wassern zu Babel saßen wir, und weineten, wenn wir an Zion gedachten. Unsere Harfen hingen wir an die Weiden, die darinnen sind. Denn daselbst hießen uns singen, die uns gefangen hielten, und in unserm Heulen fröhlich sein: Lieber singet uns ein Lied von Zion. Wie sollten wir des Herrn Lied singen im fremden Lande? Vergesse ich dein, Jerusalem, so werde meiner Rechten vergessen. Meine Zunge müsse an meinem Gaumen kleben, wo ich deiner nicht gedenke, wo ich nicht lasse Jerusalem meine höchste Freude sein. Waren das rechte Israeliten, die also sangen und klagten, oder sind das die rechten, die „hinausgeschleudert über die Erde" noch jauchzen und frohlocken? Die Gegensätze sind so groß wie zwischen Tag und Nacht. — Was soll es ferner heißen, wenn der Vers, sagt: Israel „geboren vor allen Völkern, lebensurkrästig nach aller Völker Tode? " — Wir hatten bisher aus der Bibel und allen Geschichtsbüchern gehört und gelernt, daß „vor Israel," ehe Israel geboren wurde, auch schon Völker dagewesen seien, wir hatten sogar gehört und geglaubt, daß, ehe Israel geboren wurde, schon eine ganze Welt durch die Sündfluth untergegangen sei; aber im Peßachworte von 1856 erfahren wir, daß sich die Sache ganz anders verhält, daß vor Israel keine Völker dagewesen sind. Also nicht nur die gewöhnlichen Geschichtsbücher haben uns nur „Sagen" und Lügen ausgetischt, sondern auch die Bibel! Wenn ein polnischer Jude, der von keinem andern Buche als von seinem Talmud und seiner rabbinischen Literatur etwas weiß, eine solche Behauptung aufstellt, so lacht man vielleicht über ihn, aber was soll man thun, wenn man dergleichen in einem Peßachworte eines aufgeklärt sein wollenden Doctors liest? — Welche Zeit der Vers, vor Augen haben mag, wenn er sagt, daß Israel noch „urkräftig lebe nach aller Völker Tode," können wir nicht sagen. Ob sein Seherblick nur auf die Gegenwart gerichtet ist, und er da mit seinem Auge ohne Flor kein anderes Volk mehr sieht, als Israel, daß schon alle Völker ausgestorben sind; oder ob er in die Zukunft schaut mit seinem Hellen und klaren Auge, und dort die goldene Zeit sieht, wo Israel allein die ganze Welt inne hat; wir wissen es nicht. Oder soll hiermit etwas deutlicher angezeigt 10*