Dibre Emeth
- Journal
- Dibre Emeth
- Volume
- 12 (1856)
- Issue
- 11-12 (1856)
- Date
- 1856-01-01
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2554541-2554669-2554676--02566-2558440- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
169 unsere Thaten hervorströmen; in uns selbst müssen wir die Kraft fühlen, Gutes zu thun, und Böses zu meiden, nicht durch äußere Gebote getrieben. — Ich kenne so Manchen unter Euch, der gern mit freiem Gemüthe Gott verehren möchte, und sich dennoch unter das Gesetz stellt, dessen tobten Buchstaben befolgt, und mit seinen Gedanken nicht höher hinaus kann. — Bei jedem Schritte, den Ihr thut, bei jedem Bissen, den Ihr esset, heget Ihr Scrupel: Euer ganzes Leben bringt Ihr unter Zweifeln zu. Viele unter Euch würden sich sehr gekränkt fühlen, wollte man ihnen Geist absprechen. Wollt Ihr aber, daß man Euch für geistvoll halte, so denket doch vor Allem geistvoll über Euer» himmlischen Vater, der doch der erhabenste Geist ist. Soll Er denn nicht beleidigt sein, wenn er seine Kinder nur von Furcht erfüllt sieht? — Ihr sehet ja auch selber, daß das Gesetz nicht mehr vollständig erfüllt werden kann. Juden wollt Ihr aber sein, eine priesterlichc Autorität giebt es nicht mehr, und so seid Ihr in die Hände der Rabbinen gefallen, die das Gesetz nach Gutdünken auslegen, hinzuthun und wegnehmen, was ihnen gut däucht, und Euch ihre Gebote aufdrängen. — Viele, um sich der Rabbinergewalt zu entziehen, quälen sich mit Reformen ab, welche auch zu nichts führen, weil keine Grundlage da ist, worauf ste zu begründen und weiter zu entwickeln wären. — Ein Reformator widerspricht dem andern, jeder will anvrdnen, keiner stch fügen, und so ist das Judenthum in einen Engpaß gerathen. — Uebrigens weiß ich ja, wie es mir selber ergangen ist: wollte ich über ein Ceremonialgesetz von einem sogenannten Schriftgelehrten Auskunft haben, so wurde mir geantwortet: „darüber dürfe nicht geklügelt werden, das sei heilig und müsse beobachtet werden, wohl aber," wurde hinzugefügt, „könnten Umstände eintreten, wo man von der genauen Ausführung etwas Nachlassen könne." — So gewöhnt man sich, von den Geboten zu halten, wa beliebt, und zu unterlassen, was unbequem ist. Und was ist die Folge? Man wird ein Heuchler, ein Augendiener, man lebt nach den Ge boten vor den Augen der Welt, und Übertritt ste, wenn man ungesehen ist. — Unsere Eltern, sagt man stch, haben nach den Geboten gelebt, wir wollen auch darnach leben, und unsere Kinder mögen e