Dibre Emeth
- Journal
- Dibre Emeth
- Volume
- 12 (1856)
- Issue
- 11-12 (1856)
- Date
- 1856-01-01
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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165 aber in welcher Auslegung! Ich schlage die Bibel auf, und worauf muß ich stoßen? Auf den Jesaias! — Zn der lutherischen Bibelübersetzung sind die wichtigen Stellen mit gesperrter Schrift gedruckt, sie fielen mir zuerst auf, besonders aber der vierzehnte Vers des siebenten Kapitels: „Siehe, eine Jungfrau ist schwanger, und wird einen Sohn gebären, den wird sie heißen Immanuel." — Solche Stelle im alten Testamente zu finden, hätte ich nie geglaubt. Der Hauptanstoß der Juden gegen Christum ist das Geheimniß seiner Geburt, und die sollte ich im alten Testamente prophezeit finden! Nun blätterte ich weiter, und jedes Blatt brachte mir neue Wunder. Kap. 65: „Ich werde gesucht von denen, die nicht nach mir fragten, „und werde gefunden von denen, die mich nicht suchten, und zu den „Heiden, die meinen Namen nicht anriefen, sage ich: Hier bin ich, „hier bin ich." — Wie ging mir diese Wahrheit zu Herzen: die Juden in ihrer Starrheit verbleibend, und das christliche Europa aus früheren Heidenvölkern entstanden! — Kap. 66, 2: „Ich sehe an „den Elenden und der zerbrochenen Geistes ist, und der sich fürchtet „vor meinem Wort." — Heiße Thränen flössen, so oft ich dieseStelle las. Und diese goldenen Schätze sollte ich im alten Testamente finden, einem Buche, welches mir früher nichts, als finstere, unerklärliche Reden zu enthalten schien, welche, wie die Rabbinen sagen, Niemand zu deuten wagen dürfe. Und nun das ganze dreiundfünfzigste Kapitel. „Ist es möglich? Christi ganze Leidensgeschichte im alten Testamente," dies war mein fortwährender Ausruf. „Für- „wahr Er trug unsere Krankheit, und lud auf sich unsere Schmerzen. „Die Strafe liegt auf ihm, auf daß wir Frieden hätten, und durch „seine Wunden sind wir geheilt." — Unaussprechliche Gefühle bemächtigten sich meiner, ich sank auf die Knie, und benetzte meinen Jesaias mit Thränen. Wie ein Stein fiel es mir vom Herzen. Was mir die Welt mit all ihrem Glanze nicht gewährt, einen Trost, wie ihn mir Menschen nie gereicht hatten, spendete mir das heilige Buch. Alle Bitterkeiten des Lebens, alle Rohheiten, die mein Gefühl beleidigt, alle unzarten Handlungen, die mich gekränkt hatten, alle Fehltritte, welche ich selber begangen, Alles, wovon mein Herz nur voll war, wo hatte ich früher eine Erleichterung meiner Last ge-