Dibre Emeth
- Journal
- Dibre Emeth
- Volume
- 12 (1856)
- Issue
- 11-12 (1856)
- Date
- 1856-01-01
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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164 Zn früheren Jahren wäre er an mir wie jedes andere Tagesgespräch vorübergegange». aber jetzt erregte er meine Aufmerksamkeit. Ich las die Schriften beider Partheien und nahm selbst Parthei, und zwar für die Katholiken, die ich in ihren Rechten gekränkt glaubte. Je heftiger der Kampf wurde, desto mehr erwärmte auch ich mich, und war nun schon dahin gekommen, für eine christliche Religionsparthei Interesse zu fühlen, während ich früher bei Religionsstreitigkeiten meiner Glaubensgenossen theilnahmslos geblieben war. Ich hatte deren oft erlebt, aber wie unfruchtbare; es war ein Kampf im Finstern, um Mitternacht, und nirgends Licht, während mir die Christen beim Tageslichte zu kämpfen schienen: es ergab sich aus diesen Kämpfen etwas die Menschheit Anregendes. In mir-war nun schon eine entschiedene Aenderung vorgegangen. Ich kam mit Christen zusammen, sprach mit ihnen über ihre Religion, fing an, mit Ruhe und ohne Vorurtheil über die Lehren des Christenthums nachzudenken, und der Gedanke, der Christengemeinde mich anzuschließen, hatte etwas so Wohlthuendes für mein Herz, daß ich ihm gern nachhing, ohne jedoch zu wagen, ihn in Worten vor mir auszusprechen. Es ist ein schweres Stück, ehe ein Jude die Worte über seine Lippen bringen kann: „ Christus, Dir will ich angehören." Ich war noch nicht reif dazu. — Wie eine ferne Gegend, in Nebel gehüllt, lag es vor meinen Augen; das Herz hatte Sehnsucht nach dem neuen Lande, aber der Verstand sagte: „Laß dich nicht berücken; die Gegend, welche du hinter jenem Nebel zu erblicken glaubst, ist vielleicht gar nicht da; es ist ein leerer Raum, welchen sich deine Einbildungskraft ansmalt." — So stand ich vor dem Christenthum. — Aber ob Wesenheit oder Traum der Phantasie, die Sehnsucht des Herzens blieb auf die nebelhafte Gegend gerichtet, und siehe: Gottes Gnadensonne verscheuchte den Nebel: der himmlische Vater leitete mich wahrhaft wunderbar. Eines Morgens, nie werde ich eS vergessen, fand ich in meinem Zimmer eine Bibel, welche meine Wirthin vom Sonntag vorher hatte liegen lassen. Die deutsche Bibel hatte ich nie gelesen; in meiner Jugend hatte ich beim jüdischen Lehrer die fünf Bücher Mosis und einiges Andere im alten Testamente aus dem Urterte übersetzt,