Dibre Emeth
- Journal
- Dibre Emeth
- Volume
- 11 (1855)
- Issue
- 9-10 (1855)
- Date
- 1855-01-01
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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139 von keinem eigenen Verdienste, von keinen guten Werken die Rede, welche zu unserer Rechtfertigung Mitwirken müßten, sondern es ist ein Gebet um Vergebung der Sünde, und zwar um Vergebung ohne Verdienst aus Gnaden. Nach diesem Gebet möchte man geneigt sein zu glauben, daß die Lehre des mündlichen Gesetzes eher im Widerspruch als in Harmonie mit dem Katholicismus stehen dürste. Allein eine ganz andere Ansicht bekommen wir, und eine ganz andere Lehre hören wir, wenn das mündliche Gesetz von dem Neujahrstage spricht, denselben einen allgemeinen Gerichtstag nennt und sagt: „So wie die Verdienste und die Sünden eines Menschen bei seinem Tode gegen einander abgewogen werden: so wiegt man auch in jedem Jahre am Neujahrstage die Sünden eines jeden Weltbewohners gegen seine Verdienste ab. Jeder, der als gerecht befunden wird, wird zum Leben gesiegelt, wer aber nicht, zum Tode." Neth. olam S. 200. — Ferner heißt es: „Jeder Mensch hat sowohl Verdienste als Sünden; der nun, dessen Verdienste seine Sünden überwiegen, ist ein Gerechter; der aber, dessen Sünden seine Verdienste überwiegen, ein Bösewicht. Halten sie sich aber gegenseitig das Gleichgewicht, so ist er eineMittels- oder Zwischenperson. — Und dieses Abwägen geschieht nicht nach der Zahl der Verdienste und Sünden, sondern nach ihrer Größe; denn es giebt oft ein Verdienst, welches viele Sünden überwiegt. — Wenn Jemand eine Sünde begangen hat, so hat er der Schale der Schuld sowohl für sich als für die ganze Welt das Uebergewicht gegeben und Verderben veranlaßt. Wenn er aber ein Gebot vollzogen hat, so hat er der Schale des Verdienstes sowohl für sich, als für die ganze Welt das Uebergewicht gegeben, und sich und der Welt Hilfe und Rettung gebracht; denn es heißt: „„der Gerechte aber ist der Grund der Welt;"" d. h. der, welcher gerecht gehandelt hat, hat der Welt ein Uebergewicht in der Schale des Verdienstes gegeben und sie gerettet. Und deshalb pflegen auch alle Israeliten vom Neujahrstage bis zum Versöhnungstage mehr Almosen zu geben und gute Werke zu verrichten und sich eistiger mit den Geboten zu beschäftigen, als im ganzen übrigen Jahre." Neth. olam S. 200. 201. Vergleichen wir nun die in diesen angeführten Stellen enthaltene Lehre des Judenthums mit der in den obigen des Katholicismus, so