Dibre Emeth
- Journal
- Dibre Emeth
- Volume
- 7 (1851)
- Issue
- 3-4 (1851)
- Date
- 1851-01-01
- Page
- – (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
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31 vielleicht auch nichts thun, weder zu seiner religiösen und sittlichen, noch zu seiner leiblichen Ausbildung Sich selbst überlassen, trieb er sich in den Straßen der Stadt herum und mußte sich, wenn er seinen Hunger stillen wollte, oft sein Brodt erbetteln, und an Schul» unterricht wmde auch nicht gedacht, nachdem er das schulpflichtige Alter erreicht hatte. So wurde der arme Knabe gänOch verwahrlost an Leib und Seele, und als sich unser Verein seiner annahm, w-m es bereits soweü bei ihm gekommen, daß er nicht mehr zu unterscheidm wußte, was Lüge und was Wahrheit sei. Seinem Bruder, der bereits getauft war und in Posen als Buchbinder arbeitete, ging dieser klägliche Zustand, in dem er seinM jüngem Brüder sah, tief zu Herzen. Cr gab sich alle mögliche Mühe, ihn aus feinem Elende herauszureißen und ihn irgendwo unterzubringen, wo er eine christliche Erziehung erhielte, und als sich unser Verein bereit erklärte, sich des Knabens anzunehmen und für seine Erziehung zu sorgen, gab auch die Mutter gern ihr« Einwilligung dazu, der wohl wenig daran lag, ob er dem Judenthume erhalten, oder ob er Christ würde. Wir fügen hier die Bemerkung hinzu, daß sein treuer Bruder im vergangenen Jahre in die Ewigkeit hinübergegangen ist, und wie wir hoffen wollen, im Glauben an feinen Erlöser. Diese Nachricht machte auf unser» Julius einen tiefen Eindruck und wird auch hoffentlich für ihn zum Segen sein. Was aus den Knaben werden würde, konnte natürlich in keiner Hinsicht vorausgesehen oder berechnet werdm. Denn war auch der eine schon in seiner zartesten Kindheit aus der Umgebung böser Beispiele herausgeriffen und in solche Verhältnisse versetzt, wo auf sein kindliches Gemüth wohlthätig gewirkt und wo er zum Gebet und zm Frömmigkeit angehalten wmde, so versprach seine ganze äußere Erscheinung doch um sehr wenig. Er schien so geringe Fähigkeiten und Fassungskraft zu besitzen, daß man wohl daran zweifeln konnte, ob * er jemals auch nur würde lesen lernen; er schien beständig'zu träumen. Der andere dagegen war lebendig, regen Geistes und gewitzt, aber freilich nur im Bösen, und wie schwer das Böse auszurokten ist, besonders wenn es schon in der zartesten Jugend so tiefe Wurzel in dem Hetzen geschlagen hat, wer wüßte das nicht. 4*