Dibre Emeth
- Journal
- Dibre Emeth
- Volume
- 4 (1848)
- Issue
- 3 (3.1848)
- Date
- 1848-03-01
- Page
- – (sequence 22)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2554541-2554584-2554588--00761-2556563- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
seine Auftnerksamkeit und er las die ganze Stelle mit großem Interesse. .Die darin enthaltencn^Gedanken ergriffen ihn sehr, und er war begierig, das Buch zu sehen, das sie enthielt; ein neues Testament war ihm noch nie zu Gesichte gekommen, einige Tage nachher traf er bei einem seiner Bekanntem auf dem Tisch ein Exemplar des neuen Testaments, und als er von Neugierde getrieben, das Buch schnell durchblätterte, sähe er gerade die Stelle, die ihn so sehr interessirt hatte. Sogleich entlehnte er cs, und fing darin mit großer Begierde zu lesen an. Allein der immer wieder vorkommende Namen „Jesus" machte ihn so bestürzt, daß er das Buch wiederholt wegwarf. Endlich entschloß er sich, es durchzulesen. Er war bei einzelnen Stellen bis zu Thränen gerührt, und bei der Beschreibung von der Kreuzigung Jesu setzte ihn vollends die Sanstmuth und Liebe Jesu von Nazareth in Erstaunen, und der grausame Haß, welchen die Priester und Obersten in Israel wider ihn offenbarten, erregte in ihm ein Gefühl des Mitlcidens gegen ihn und des Unwillens wider seine Mörder. Am meisten fesselte ihn die Unterredung Jesu mit Nicodemus, mit welchem er die Empfindung rheilte, die sich in seiner Anrede ausspricht: „Meister, wir wissen, daß du bist ein Lehrer von Gott gekommen, denn Niemand kann die Zeichen thun, die du thust, es sei denn Gott mit ihm". Allein, statt zu begreifen, in der Rede Jesu an Nicodemus sei das Heilmittel nahe gelegt, das seine Seele brauche, fing er an besorgt zu werden, er möchte, wenn er fortfahren würde, dieses Buch zu lesen, von der Religion-seiner Väter abgebracht werden. Er entschloß sich daher, das neue Testament bei Seite zu legen und sich auf das Studium Mosis, der Propheten und Psalmen zu verlegen. Seine Ehrfurcht und sein Vertrauen zur heiligen Schrift war gewachsen. Je länger er darin las, um so mehr trat das Bild ihm näher, welches das neue Testament von Jesu von Nazareth enthält, und er mußte sich sagen, es paffe ganz auf den verheißenen Weibessaamen, der der Schlange den Kopf zertreten sollte. Obschon er das neue Testament bei Seite geworfen, so konnte er doch nicht von dem Lichte los werden, das er daraus empfangen hatte. Nachdem er auf solche Weise einige. Zeit mit dem fleißigen Studium Mosis, der Propheten und der Psalmen zugebracht hatte, fiel ihm bei, daß es doch sehr unvernünftig von ihm gewesen sei, das Studium des neuen Testaments aufzugeben. „Warum sollte ich doch Bedenken tragen es zu lesen?" so fragte er sich selber. „Wenn ich gewiß bin; daß es falsch ist, so-kann es mir nicht schaden, und wenn ich nicht-gewiß bin, daß es falsch ist, ist es nicht meine Pflicht, fleißig zu prüfen, ob es wahr ist?" Bald kam er nach einer genauen und sorgfältigen Prüfung zu dem Schluffe, die wundervollen Erzählungen der Evangelien und der Apostelgeschichte seien nicht weniger begründet, als