Dibre Emeth
- Journal
- Dibre Emeth
- Volume
- 1 (1845)
- Issue
- Heft 9 (September 1845)
- Date
- 1845-09-01
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/2554541-2554542-2554552--00160-2555932- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Einflüssen der neuen biblischen Kritik und Philosophie so wenig entgehen als ich. Das thut den» auch nichts. Verlierst Du den Glauben an das schriftliche und mündliche Gesetz, so verlierst Du doch damit nicht den Glauben an Deinen Schöpferan den Gott, dessen Größe der Wurm im Staube und der Himmel in seiner Pracht verherrlichen; und kannst Du ihn nicht mehr nach väterlicher Sitte anbeten, so verehre ihn, los von allen ererbten Fesseln, die den freien Geist bis jetzt gefangen hielten, wie Deine Vernunft cs Dich lehrt. Aber tritt dann auch, wenn Du frei geworden, als ein freier Mann, offen und ehrlich heraus, erheuchle kein jüdisches Wesen, das Du nicht mehr hast; sondern leugne es nicht, daß Du ein Zude warst, und nun — und das ist das letzte Ziel der Entwicklung der Menschheit — wieder ein Mensch geworden bist, denn ein Mensch im wahren Sinne des Wortes ist nur der, welcher zum vollen Selbstbewußtsein gekommen ist, und ein solcher macht sich frei von allen Fesseln der Religionen. *) Du wirst freilich mit solcher freien Sprache bei vielen, die noch an dem Ueberlieferten halten, anstoßcn; Du wirst an den Gottesdiensten der Juden nicht mehr Theil nehmen, noch weniger ein einträgliches Rabbinat bekleiden können; aber Du wirst auch kein bezahlter Knecht der unwissenden Menge und bei denen in Ehren sein, die auch wie Du auf der Höhe der Zeit stehen. Vielleicht wirst Du auch noch einmal da stehen als Lehrer einer solchen Versammlung, die zwar von Dir nicht, als einem Diener der Gottheit, übermenschliche Offenbarungslehrrn, aber doch als einem in der menschlichen Bildung ausgezeichneten, Erläuterung und Darlegung dessen erwartet, was freilich die Vernunft jedem lehrt, das aber immer aufs neue im Geiste erkannt und lebendig erhalten sein will. **) °) Diese Ansicht ist ausgesprochen in der Broschüre: Albert Frankel, das moderne Judenthum. Reutlingen 1844. ") Es versteht sich eigentlich von selbst, daß weder die Redaction, noch der Einsender dieser Briefe, alle darin ausgesprochenen Gedanken vertreten, doch wollen wir cs an dieser Stelle noch ausdrücklich bemerken, und den Leser rücksichtlich der Auflösung der Widersprüche in den vorgehenden Briefen auf die solgrndcn verweisen.