Dibre Emeth
- Journal
- Dibre Emeth
- Volume
- 1 (1845)
- Issue
- Heft 8 (August 1845)
- Date
- 1845-08-01
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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135 schenliebe gelesen. Zhr ist eigen, daß sie da, wo auf der Stelle Hülfe nöthig ist, dieselbe auch auf das bereitwilligste, selbst an dem Allerfremdesten ja sonst wohl auch Gehaßten vollzieht. Darum Hat ein barmherziger Samariter, was Priester und Levit sich zu verrichten scheuten. Seine That ist nicht groß und nicht erhaben; sie ist eben nur nicht schlecht, weil sie recht ist. Aber sie und alle, die ihr gleichen, erscheinen mit dem erhabenen Nimbus großartiger Verrichtungen, weil die äußere Sachlage, in welcher dergleichen Handlungen sich allein darstellen können, sich auf der Höhe des menschlichen Elendes zeigt. Nur durch diese optische Täuschung erscheinen sie als das, was sie an sich und in Wirklichkeit nicht sind. Denn jeder, welcher nicht gänzlich der Menschheit Zeichen von seiner Stirn abgelegt hat, wird doch wohl zu Hülfe eilm, wo es sich um Tod und Leben eines Mitmenschen handelt? Aber diese allgemeine Menschenliebe ist etwas ganz Anderes und Geringeres, als die, zu dem Freunde, oder zu der Gattin, oder zu dem Kinde, oder zu einem Sünder; denn hier gilt es in stetiger Aufeinanderfolge Schwächen, Fehler, bösen Willen, sündhafte Neigungen zu ertragen, besonnen zu bekämpfen, zu trösten, zu ermahnen, mit eigenem guten Beispiele voran zu gehen. Hier macht sich geheimer Herzenskummer und Gram der Seele geltend, hier gilt es, ihm nicht zu erliegen. Glücklich! wer diese geheimen, dunklen Fäden seines Gcmüthes vor einer erfahrenm Freundesseele auseinander legen darf; welch ein bencidenswerthes Loos ist ihm geworden! Es möchte wohl jedem dieser Vorzug anzuwünschen sein. Wer dagegen, um sich diese Herzenserleichterung, die nur durch Mittheilung zu Stande kommt, zu verschaffen, dm Ersten, Besten, der ihm auf der Straße begegnet, sich für diesen Zweck ersehm wollte, würde billig verlacht werden, weil die feineren Verhältnisse des menschlichen Herzens auch feinere Kanäle ihrer Mittheilung, als sie das äußerliche Begegnen voraussetzen läßt, verlangen. Hier kann die allgemeine Menschenliebe nicht wirksam sein; sie kann nur antreiben zur Abhülfe der größten und gröbsten, von selbst und ungesucht in die Augen springendm Noch.' Nur der leidende Mensch wird dann erblickt, wenn sich seine Natur sträubt, wider dm geistigen und leiblichen Schmerz. Wer wird er sein, der ihn beseitigt oder mildert? Ohnstreitig jeder, welcher das Glück hat der Nächste bei der Noch zu sein. Aber von dieser allgemeinen Menschmliebe dürfen die Juden keine absolute Emancipation begehren. Alles Mögliche, was sie gewähren kann, hat sie schon geleistet, als sie ihnen die vollständigste persönliche Freiheit, wie sie in christlichen Staaten bestehen kann, zusicherte. Nur eine höhere Webe könnte ihnen auch die Berechtigung der Standschast, und alles dessen, was damit zusammenhängt, gewähren, weil auch erst in diesen Verbindungen eine innigere Theilnahme an den Znteres-