Nahalat tsevi
- Journal
- Nahalat tsevi
- Volume
- VIII (5698) 1937/38
- Issue
- Heft 4-6 (Januar 1938)
- Date
- 1938-01-01
- Page
- Seite 106 (sequence 24)
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106 staats entbehrlich zu sein. Wo es aber die äußeren Verhältnisse erfordern, etwia in Zeiten der Kriegsgefahr oder zur Durchführung einer gemeinsamen nationalwichtigen Aufgabe treten die Stämme auf Grund freiwilligen Zusammenschlusses ad hoc zusammen, werden sie für eine bestimmte Aufgabe und nur für diese — politischer Staat, Staat auf Zeit, Staat auf Kündigung. Wenn einem solchen Gesellschaftszustand vielfach die Nomenclatur ״primitives soziales Stadium“ beigelegt wird, so ist sie, sofern mit der Bezeichnung primitiv ein Werturteil oder ein Rangprädikat verbunden wird, nicht ganz berechtigt. Denn die Idee, die ihm zugrundeliegt, nämlich: Gemeinschaft aus Frei- Willigkeit, wachsend von unten her im Gegensatz zur Zwangsgewalt, die von oben die staatliche Einheit oktroyiert, ist eine Idee, die auch in späteren Zeiten, auch in der Neuzeit bis in die Gegenwart hinein, immer wiederkehrt. Verwandte Gedankengärige und Anklänge an sie finden sich ebenso in dem bekannten Renanschen Wort: ״L’Etat c’est un plebiscite de tous les jours“, wie in der Integrationstheorie in der heutigen Staatslehre, die den Staat als Prozeß sieht, als eine im Fluß befindliche Entwicklung, als ein sich integrierendes, aus seinen Elementen sich aufbauendes Wesen; und das Problem der Gesellschaft ohne Zwangsorganisation, das schon den Frühsozialismus beschäftigt, wird heute etwa in der modernen spanischen und englischen staatstheo־ retischen Literatur wieder besonders stark erörtert. Die Jothamscke Parabel ist also die entschiedenste Kampf ansage gegen den Staat als selbstherrliches politisches Wesen: und sie ist eine ebenso radikale Verneinung jener These vom Staat als Organismus, die durch die Jahrhunderte geht, die schon bei Plato keimhaft angedeutet ist, über Vioo und Herder in der Romantik den Gipfel erklimmt, um noch in Spengler einen späten Nachklang zu finden. Es ist nicht wahr, sagt die Parabel, daß der Staat eine natürliche Ordnung ist. Er ist eine hybride menschliche Schöpfung, wider die Natur, wider den Menschen selbst. Zum erstenmal ist hier die Frage nach der Rechtfertigung des Staates aufgeworfen, die seither aus dem staatstheoretischen Denken nicht mehr geschwunden ist. Aber die Gegenkräfte der Antithese schweigen nicht, sie werden immer stärker. Und die Auseinandersetzung zwischen diesen beiden nun schon ganz stark hervortretenden Grundtendenzen der jüdischen Staatsgeschichte spitzt sich zu einer