Nahalat tsevi
- Journal
- Nahalat tsevi
- Volume
- VIII (5698) 1937/38
- Issue
- Heft 1-3 (Oktober 1937)
- Date
- 1937-10-01
- Page
- Seite 55 (sequence 57)
- Belongs to
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55 2. Diese zitierten Stellen sind trotz ihrer Kürze nicht gering an Bedeutung und geben Anregung zu weiteren Gedankengängen. Rambam hat der Erkenntnis einen hervorragenden Platz im religiösen Weltbild zuerkannt. Und das Besondere ist, daß er sie in einen Zusammenhang zu dem religiösen Gefühl bringt. Die Erkenntnis Gottes führt zur Liebe Gottes und sie weder zur Steigerung der Erkenntnis Gottes. Eine stetige gegenseitige Beeinflussung und Förderung. Und die Wirkung ist eine unmittel״ bare, spontane: מיד הוא אוהב. Die Bedeutung von ,דעת ה liegt nicht so sehr in ihr selbst als in ihrem engen Verhältnis zu אהבת ה׳. Sinn und Zweck und wohl auch Begrenzung des Strebens nach Erkenntnis liegt darin, daß sie Vorstufe zu אהבת ה׳ ist. Je mehr sie diesem Ziele dient, desto höher ist sie zu bewerten. Und jene Form des Strebens nach Erkennen, die im besonderen Maße dieses Ziel erreicht, ist die wahre jüdische Form. Erst im Dienste von אהבת ה׳ findet דעת ה׳ ihre letzte Auswirkung. Der höchste Triumph der Erkenntnis ist nicht, Menschen zu Rationalisten des Glaubens zu machen, sondern ״nüchterne, kalte Denker“, die ihrem Gotte innerlich ferne stehen, zu starkem gefühlsmäßigen Gotterleben zu führen. Erkenntnis, über sich selbst hinauswachsend, führt Verstand und Gefühl zu einer Einheit zusammen. Mag sonst Fühlen und Denken in einem Gegensatz zu einander stehen — eine gewisse gegenseitige Abhängigkeit kann wohl in keinem Fall ganz geleugnet werden — jedenfaUs im Bereich des Gotterlebens sind beide Kräfte aufeinander angewiesen: bedingen, ergänzen, fördern einander. Gott nur vernunftmäßig oder nur gefühlsmäßig zu erleben, ist nichts Abgeschlossenes, Endgültiges. Beides wäre Begrenzung. Wenn wir von der Reingeistigkeit Gottes sprechen, so ist hier ״Geist“ nicht gleichzusetzen mit Vernunft, sondern als Gegensatz aufzufassen zum Materiellen. Wenn daher die höchste Aufgäbe des Menschen das ״geistige“ Erfassen Gottes ist, so kann sie nur durch die harmonische Zusammenarbeit aller seiner (im weiteren Sinne des Wortes) geistigen Kräfte erfüllt werden. Wollen, Denken und Fühlen sind Träger dieser Aufgabe; auch würde wohl das Denken beeinträchtigt werden, wenn die anderen Innenkräfte dagegen wirken.