Nahalat tsevi
- Journal
- Nahalat tsevi
- Volume
- VII (5697) 1936/37
- Issue
- Heft 10-12 (Juli 1937)
- Date
- 1937-07-01
- Page
- Seite 266 (sequence 16)
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i66 phetische Gabe der Zukunftsschau besitzt. Weisheit ist zwäf eine der Vorbedingungen der Prophetie, aber im übrigen qualitativ von den prophetischen Erkenntnismitteln durchaus geschieden. Der Prophet muß weise, der Weise aber braucht noch lange kein Prophet zu sein. Die Zukunft ist dem Weisen verschlossen. Das Objekt seiner Erkenntnis ist die fließende Gegenwart. Diese freilich sieht er anders, als es die Unweisen tun. Er trennt sie weder von der Vergangenheit noch von der Zukunft, sie ist ihm weder ein ursachlos Seiendes noch ein entwicklungslos Fertiges, sie ist ihm die Synthese von Gewordensein und Nochnichtsein, sie ist ihm das geschichtlich Werdende. ״Wer ist weise? Wer den geschichtlichen Sinn hat.“ Der geschichtliche Sinn ist in der Tat selten genug; selten namentlich innerhalb der thoratreuen Judenheit, seit sie das Gefühl für den Zusammenhang ihrer eigenen Geschichte mit der Weltgeschichte mehr oder weniger stark eingebüßt hatte. Vieles wäre der thoratreuen Judenheit in den letzten 150 Jahren erspart geblieben, wenn sie öfter, als es leider der Fall war, mit geschichtlichem Sinn im Seienden das Werdende vom Gewesenen zu scheiden vermocht hätte. Immer wieder geschah es ihr, daß sie über das Vergangene, das nicht mehr war, und über das Kommende, das noch nicht war, den Blick für das Werdende nicht hatte, dessen sie freilich nur im Gegenwärtigen hätte habhaft werden können. Seit etwa 150 Jahren ist unser Volk nicht nur lediglich das leidende Objekt des Weltgeschehens, das sich vor allem in der Kunst des Ausharrens zu bewähren hat, das Weltgeschehen dringt vielmehr auch geistig und seelisch mächtig auf es ein, und nur der geschichtliche Sinn kann einigermaßen Gewähr dafür bieten, daß die Art seiner Reaktion auf das Weltgeschehen, das auch seine eigene Geschichte aufs stärkste beeinflußt, die riehtige sei. Die Thora ist der Kompaß des thoratreuen Volkes; sie hat ihm seinen Weg durch die Zeiten zu weisen. Aber gerade dieses Bewußtsein hat uns oft genug zu der Meinung verführt, als könnten wir im Besitz der Thora des geschichtlichen Sinnes entraten. Die ״Väter der Sprüche“ dachten anders. Sie wußten, daß die Handhabung des Kompasses der Thora ohne Weisheit, ohne den Blick für das Werdende, nicht möglich ist. Wer die Thora kennt, aber diesen Blick nicht hat, ist für das Zeit ge-