Nahalat tsevi
- Journal
- Nahalat tsevi
- Volume
- VII (5697) 1936/37
- Issue
- Heft 7-9 (April 1937)
- Date
- 1937-04-01
- Page
- Seite 343 (sequence 69)
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243 rabbiner Carlebadi gerne bereit finden wird, diefe bedauerliche Entgleifung richtig zu (teilen. J. Br. Zur Problematik des Religion sunterrichts. Von Dr. Benedikt Kurzweil. Brünn 1936. Unter diesem etwas anspruchslosen Titel hat Kurzweil ein Schriftchen von knapp 50 Seiten herausgegeben, dessen Inhalt jedoch viel mehr bedeutet, als der Titel vermuten läßt. Die Schrift steht im Dienste keiner Partei. Sie nimmt sich deshalb das Recht, alle jüdisch-politischen Erscheinungen der Gegenwart zu charakterisieren und um so schärfer zu kritisieren, da ihr schärfste Kritik als ethische Forderung gilt. Wenn der Verfasser sich als parteilos bezeichnet, so nicht deshalb, weil er sich vor der Entscheidung drücken will. Er ist nämlich der Ansicht, daß' erst die konkrete Lebenssituation zur Entscheidung zwingt, nicht aber die Zugehörigkeit zu einer meinungsbildenden oder durch eine Meinung gebildete Gruppe. Den Urgrund der Problematik sieht K. in der Diskrepanz zwischen Lehre und Leben. Der landläufige Religionsunterricht bringt zu viel Vergangenheit und zu wenig Gegenwart und Wirklichkeit. Da nützt es auch nichts, Vermittler jüdischen Geschichtsstoffes, Wortsprecher jüdischen Brauchtums zu sein, denn bei solch einer Haltung, wo der metaphysische Oberbau abgetragen ist, wird die Religion zum Surrogat. Es ist gewiß gut, wenn K. den Zionismus auffordert, daß er sich entscheiden solle, ob er jüdische Religion in ihrer spezifischen Volksbedeutung unterrichtet haben will oder nur jüdische Volkskunde. Auch die Kritik an der Haltung der Orthodoxie ist äußerst fruchtbar. Und manches harte Wort, das K. fällt, ist nicht nur deshalb berechtigt, weil er eine gewisse kleinbürgerliche Haltung in ihrer Gefahr charakterisiert, sondern weil er in eindrucksvollen Worten darauf hinweist, daß auch ein Bekenntnis zum seelischen Heimatsstandort nicht von der Aufgabe befreit, diesen Standort einer kritischen Analyse zu unterziehen. Und daran hat es, abgesehen von den Arbeiten Isaac Breuers, wohl fast immer gefehlt. Es ist zu wünschen, dass das Schriftchen von K. weiteste Verbreitung findet, aber es ist auch zu hoffen, daß die oft zu knappe Darstellung erweitert wird zu einem größeren Werk, das eine Analyse unserer geistigen Situation sein kann. Abt. Chronik. Wer in den letzten Monaten die jüdische Presse vornehmlich in Deutschland, teilweise auch in Erez Jisroel einigermaßen verfolgt hat, wird sich des Eindrucks nicht erwehren können, daß stärker denn je die Sehnsucht nach jüdischen Inhalten auch in jenen Kreisen zum Ausdruck mehr oder minder schüchtern gelangt, die bisher glaubten, mit einigen Sentiments, billigen Schlagworten und Phrasen über die Leere ihres jüdischen Wissens und ihres jüdischen Wollens sich hinwegtäuschen zu können. Es